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Virginie Despentes: Apokalypse Baby : Frankreich am Ende

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Virginie Despentes siebtes Buch ist Krimi, Roadmovie und Sozialstudie in einem. Sie zerlegt die französische Gesellschaft in ihre Einzelteile - mit jeder Mege Zoff, Sex und Action.

          Immerhin, ja, endlich: Sie hat einen Preis bekommen für diesen Roman. Im Jahr 2010 ist Virginie Despentes für „Apokalypse Baby“, der nun in deutscher Übersetzung erschienen ist, mit dem in Frankreich wichtigen Prix Renaudot ausgezeichnet worden. Im selben Jahr übrigens, sogar an demselben Tag, hat Michel Houellebecq für seinen Roman „Karte und Gebiet“ die höchste literarische Auszeichnung des Landes erhalten, den Prix Goncourt. Und sogleich war in Frankreich die Rede von den literarischen Rebellen zu vernehmen, die eines Tages eben doch allesamt zu Notabeln würden. Mit den Preisen für Despentes und Houellebecq habe das Establishment seinen enfants terribles jedenfalls endlich die Anerkennung zukommen lassen, die ihnen lange vorenthalten worden war - und die Angesprochenen ließen sich die warme Umarmung auch gern gefallen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat das Preiskomitee im Fall von Houellebecqs Roman nicht viel falsch gemacht. Bei Virginie Despentes liegt die Sache allerdings anders. „Apokalypse Baby“ ist ihr siebtes Buch, Krimi, Roadmovie und Sozialstudie in einem. Es beginnt, wie man so sagt, mit einem Erdbeben und endet mit dem Untergang einer Welt, und das sieht einer Frau, die so hartnäckig an ihrem Ruf als Skandalautorin gearbeitet hat wie Virginie Despentes, durchaus ähnlich. Denn wann immer ihr Name fällt, erinnert man sich nun einmal zuerst an „Baise-moi“, ihre Ende der neunziger Jahre als Buch und später auch als Film erschienene Geschichte zweier gedemütigter Frauen, die kopulierend und mordend durchs Land ziehen.

          Beste Kontakte zu Drogendealern

          Einen vergleichbaren Exzess bietet „Apokalypse Baby“ zwar nicht. Im Gegenteil müht sich die Autorin redlich - und stellenweise durchaus mit schönem Erfolg -, eine Reihe von sehr verschiedenen Figuren und Milieus unter einen erzählerischen Hut zu bekommen: So schweift sie etwa in die Unterwelt von Paris, in die Neonazi-Szene der weit entlegenen Vorstädte, zur Boheme des sechzehnten Arrondissements und in ein spanisches Kloster des Opus Dei. Doch als wäre eine Reise durch Frankreich und Spanien allein zu langweilig, hat Despentes in das Ganze noch einen kriminalistischen Handlungsstrang eingewebt, der die Doppelfunktion erfüllt, den Roman erzählerisch zusammenzuhalten und zugleich für Action zu sorgen.

          Diese Finte ist leider so durchsichtig, dass es einem darüber schnell langweilig wird. Die jugendliche Valentine, Tochter aus gutem Hause, ist abgehauen, und das, obwohl die Großmutter, die über die Erziehung des Mädchens wacht, die Privatdetektivin Lucie beauftragt hatte, Valentine im Auge zu behalten. Lucie muss ihren Fehler also wiedergutmachen und tut sich mit der in Pariser Detektivkreisen bekanntberüchtigten „Hyäne“ zusammen, einer Frau, die Frauen liebt und dank ihrer Vergangenheit als Drogendealerin und Geheimdienstmitarbeiterin beste Kontakte in alle wirklich mächtigen Szenen hält. Die ob des eigenen verpfuschten Lebenslaufs zu depressiven Stimmungen neigende Lucie und die über alle Selbstzweifel erhabene, ihrem Spitznamen alle Ehre machende Hyäne sind zuweilen tatsächlich ein unterhaltsames Gespann. Hätte man sich auf die beiden konzentriert und ihnen mehr Eigenleben zugestanden, als es eine konservativ interpretierte Ermittlerrolle erlaubt, hätten sie sicher ein schönes Duo infernale abgeben können.

          Aber Virginie Despentes nimmt sich keine Zeit für Tiefenbohrungen dieser Art. Sie verfolgt ihren Plan, die französische Gesellschaft in ihre Einzelteile zu zerlegen und zu zeigen, wie verkommen sie an allen Ecken und Enden ist, so konsequent, dass gelungene Momentaufnahmen wie jene von François, dem Vater von Valentine und alternden Schriftsteller, eine Ausnahme bleiben: In der Pléiade-Ausgabe hatte er seine Werke einst schon geglaubt - und dann seine Felle schnell davonschwimmen sehen. „Er erinnert sich, mittlerweile voller Bitterkeit, an ein Abendessen, bei dem ein Verleger hysterische Lachanfälle ausgelöst hatte, als er ihnen heiter voraussagte, wenn das so weitergehe, würden die Leute demnächst die Romane junger Mädchen lesen, die den Zustand ihrer Hämorrhoiden beschrieben.“

          Subtiler wird es leider nicht. Aber wenn wir ehrlich sind, war Subtilität noch nie Despentes’ Stärke. Ihr ewiger Rückgriff auf sex and crime, der auch hier am Ende als Lösung dient, wird indes auch nicht interessanter dadurch, dass man ihn möglichst oft wiederholt.

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