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Virginia Woolf: Orlando : Flucht aus den Bleikammern des Experiments

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Bild: Verlag

Über die Stränge schlagen, und zwar gewaltig: Die Neuübersetzung ihrer Romanbiographie „Orlando“ wirft die Klischees über Virginia Woolf zu Scherben.

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          Wenn er ihr gefolgt wäre, hätte die fast Sechzigjährige überlebt: Seltsam, dachte sich der Landarbeiter John Hubbard, als er Mrs. Woolf um zwanzig vor zwölf den Fluss entlang auf die Brücke von Southease in Sussex zugehen sah, ansonsten geht sie doch nie am Vormittag spazieren - und warum trug sie einen Pelzmantel, wo die Sonne sich an diesem Märztag des Jahres 1941 doch nach Kräften bemühte, die verhärmt frierende Schriftstellerin warm zu halten? Leicht besorgt ging Hubbard zum Mittagessen nach Hause, Mrs. Woolf beschwerte eine ihrer Manteltaschen mit einem großen Stein und ließ sich unwiederbringlich in die reißende Ouse sinken. Wieder hatte sie Stimmen zu hören begonnen.

          Was früher eher Segen als Fluch gewesen war. Denn auch bei der Komposition ihrer Romanwelten hatte Virginia Woolf bisweilen einen ganzen Geisterchor in sich vernommen, der ihr derart viele Buchseiten in die Stahlfeder diktierte, dass sie beim Mitschreiben kaum mehr nachkam - wie während der Arbeit an ihrem ersten, verschwenderisch innovativen Meisterwerk „Mrs. Dalloway“ von 1925 über den stimmenhörenden Kriegsheimkehrer Septimus Warren Smith und seine Geistesverwandte Clarissa Dalloway, die den „geheimen Vorrat erlesener Augenblicke“ gerade angesichts des Selbstmords von Warren Smith um so sinnentiefer zu erleben weiß.

          Die bisher musikalischste Übertragung

          Virginia Woolf sah sich in beiden verkörpert, und einen Kinosaal des Jahres 2002 hätte sie nach nur wenigen Minuten Einblick in Stephen Daldrys Film „The Hours“ zornig verlassen, da dieses Verdrossenheitselaborat über ihr Leben bloß eine Seite ihres Wesens zeigte - und diese Seite war aufs faulste verzerrt. Bis heute hat sich das dümmlich einfältige Klischee von der seelenvoll verquälten Autorin nicht aus der Welt schaffen lassen. Sollte der Beruf der Schriftstellerin Selbstmörderinnen anziehen, dann wäre deren Ikone Virginia Woolf.

          Mit der Neuübersetzung des als wissenschaftliche Biographie nur lässlich getarnten Romans „Orlando“ von 1928 durch Melanie Walz - der musikalischsten Übertragung unter den bisherigen vier - wird dieses abbruchreife Märtyrerstandbild verletzlich weiblichen Schreibens endgültig zum Einsturz gebracht: Im Keim als Privatbotschaft an die geliebte Freundin Vita Sackville-West verfasst, gleicht das Buch jenem Paradiesvogelschwarm, der abends Mrs. Dalloways Partysalon bestürmt. Hier haben wir Leser von Anfang an keine Chance, lassen uns so heftig von der erhabenen Kraft des Romans in die Lüfte tragen, dass wir wiederholt den Buchumschlag konsultieren, um uns zu versichern, doch tatsächlich an Virginia Woolf geraten zu sein: Man wird süchtig danach, die Freude der Schöpferin daran zu teilen, die Gestalt Orlandos geschaffen zu haben: „Er - denn an seinem Geschlecht konnte kein Zweifel bestehen, selbst wenn die Mode der Zeit dazu beitrug - zerteilte gerade den Kopf eines Mauren, der von den Dachbalken baumelte.“ Ein Romanbeginn von solch schroffer Gewalttätigkeit hat mit den landesüblichen Vorstellungen femininer Sensibilität wenig gemein.

          Wie einer ihrer Streiche

          “Ich möchte phantasieren dürfen.“ Doch natürlich gab es auch diesmal die Augenblicke der zitternden Hände: Gerade weil sie dem traditionsfernen Roman verpflichtet war wie ihr Kollege Joyce, musste sich Virgina Woolf in Tagebuchnotizen dazu ermuntern, einmal ungebändigt und übermütig zu ihrem eigenen Vergnügen zu schreiben: „Ich will über die Stränge schlagen, und zwar gewaltig“.

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