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Viola Roggenkamp: Tochter und Vater : Acht Jahre lang täglich ein Held Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Kompositorisches Kunststück und filmreife Detektivgeschichte: „Tochter und Vater“ erzählt von einer Hamburger Juristin, die sich nach Papas Tod auf eine Reise in die Erinnerung begibt.

          Der neue Roman von Viola Roggenkamp, erzählt von einer wohlorganisierten, wenn auch nicht ganz fertig studierten Juristin, hat die luzide klassische Bauform einer analytischen Geschichte. Während der Vater an Lungenkrebs stirbt - wo gibt es eine so unsentimentale und doch zarte Beschreibung eines Sterbenden? -, übergibt er der Tochter sein Vermächtnis in Form einer Brieftasche mit Einzelstücken, die sie auf eine Suchreise in die Erinnerung schicken, bis daraus eine wirkliche Autofahrt in die Vergangenheit und nach Polen wird.

          Da sie eine Totenrede halten will, kommen ihr neben umfangreichen, aber lückenhaften Aufzeichnungen des Vaters die Funde aus der Brieftasche nach und nach zu Hilfe. Ein Notizbuch, eine gefälschte Kennkarte, ein Zettel mit unverständlicher Aufschrift, eine Zloty-Note, ein jüdisches Türzeichen, die Mesusa: Alles wird zum Auslöser von Erkennungen, die, auf dem Höhepunkt der Erzählung, in schwerer emotionaler Belastung vor sich gehen. Anagnorisis (Wiedererkennung) nannte schon Aristoteles dieses Verfahren, lobte es und dachte an den „Ödipus“. Hier freilich regiert nicht das ödipale Elend, das üblicherweise mit dieser Form verbunden ist. Wo sich sonst die Familienunseligkeiten überstürzen, hellen sich hier vielmehr die schwierigsten Verhältnisse auf.

          „Eine völlig meschuggene Mischung“

          Die Eltern - ein wunderbares Paar der unerschütterlichen Liebe; der Vater - kein Schlappschwanz, Feigling und müder Versager, wie man meint, sondern in Wahrheit ein Held, obwohl das Wort nicht passt, „acht Jahre lang täglich, alltäglich ein Held“, vielleicht der einzige Gerechte unter den Deutschen; die Tochter - kein Wunder, dass sie trotz allen Widerstrebens ein neues Einverständnis mit ihrer doppelten Identität gewinnt. Der filmreife Detektivroman der Erinnerung, den Viola Roggenkamp schreibt, ist ein Anti-Ödipus.

          Seine eigentliche Brisanz erhält das kompositorische Kunststück aber erst durch die jüdisch-deutsche Katastrophengeschichte, der es eingefügt wird. Paul, der Vater, ist Deutscher, die Mutter Alma und die Großmutter Hedwig sind Jüdinnen. Ihre Geschichte spielt in den dreißiger und vierziger Jahren unter den Bedingungen von Krieg und Terror, steht eigentlich permanent unter Todesgefahr und wird doch begünstigt von einem schier unfassbaren Glück, das alle heil davonkommen lässt. Der seltsame Schmied dieses Glücks ist der Vater. Verliebt und nichts sonst - „Er las viel, und er weinte gern beim Lesen“, heißt es über ihn -, wird er zum Genie der List, die selbst die Nazis in ihrer Berliner Gestapo-Zentrale außer Gefecht setzt und aus gefälschten und geraubten Scheinen und Dokumenten, Stempeln und Pässen ein Netz neuer Identitäten aufbaut, das bis zum Kriegsende hält und die Jüdinnen rettet. Vor diesem Genie verbeugt sich die kühle und gründlich misstrauische Tochter. In der Erinnerungsarbeit Statur gewinnend, wird sie zur Tochter ihres Vaters. Obwohl sie sich der Ordnung gemäß als Jüdin fühlt - „Ist die Mutter Jüdin, sind die Kinder Juden“. Obwohl sie ihr Jurastudium abgebrochen hat, weil sie sich nicht vorstellen konnte, „irgend jemanden in Deutschland zu verteidigen“. Obwohl sie erklärt: „Jüdisch und deutsch. Eine irrsinnige, eine blödsinnige, eine völlig meschuggene Mischung.“

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