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Victor Pelewin: Das fünfte Imperium : Jagd nach dem B-Wort

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Allein im Blutsaugergewerbe gibt es noch Aufstiegschancen: Victor Pelewin lässt Vampire auf der Jagd nach Kapitalistenblut durch unsere Städte streifen. Sein Schauerroman ist eine Parabel auf die Informationsgesellschaft.

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          Mit Vampiren ist es wie mit Facebook-Freunden, sie kommen nur, wenn man sie eingeladen hat. Und so war es schon immer: Solange die sagenhaften Blutsauger im Volksglauben, in der Literatur und im Film auftraten, waren sie stets die Ausgeburten ganz aktueller gesellschaftlicher Konstellationen: die Chiffre schwerverdaulicher Traumata, genauso wenig totzukriegen wie diese Ungeheuer, die die sogenannte Vernunft auch in aufgeklärten Zeiten überhaupt erst geboren hatte.

          In Victor Pelewins neuem Roman „Das fünfte Imperium“ halten die Vampire für die Schattenseiten des Internetzeitalters her. Sie sind die Geheimgesellschaft und der Souverän hinter einer epidemisch gewordenen Kommunikationsweise, in der sich jeder ganz freiwillig und mit jeder Faser seiner privaten Existenz ins Netz begibt – sei es im Blog oder auf der Community-Plattform seines Vertrauens. Die Vertrauensseligkeit solcher User kommt den Vampiren ebenso entgegen wie naturgemäß auch das Epidemische der neuen Medien. Reichweitenvergrößerung und Auflagensteigerung gehörten schließlich seit je zum Geschäft der Untoten.

          Surfen im Seelennebel

          Bei Pelewin bilden die Fürsten der Finsternis eine Herrscherkaste, die sich mit Hilfe eines klitzekleinen Bisses Zugang zum Seelenleben ihrer Opfer verschafft, um anschließend durch deren psychischen Nebel zu surfen wie sonst nur Hacker über fremde Festplatten. „Verkostung“ nennen die distinguierten Wesen diese blitzartig ausgeführte Blutentnahme, die heute wie ein Überbleibsel aus der alten Zeit wirkt. Anstatt von Blut sprechen sie daher verklausuliert vom „B-Wort“ oder schlicht von „roter Flüssigkeit“. Gegen Tageslicht ist diese Daten sammelnde Wissenselite längst immun. Nur die ältesten Blutsauger leben nach alter Sitte noch hinter zugezogenen Vorhängen. Die Identität des Vampirs ist auf seiner Zunge gespeichert. Sie kann in einen anderen Körper weiterwandern wie ein Datensatz mit persönlicher Signatur. Der Kopf des Vampirs hingegen ist der „menschliche Faktor mit allem Sack und Pack und Gerumpel“.

          Nicht erst für seinen letzten Roman „Das Heilige Buch der Werwölfe“ (2006) hat Pelewin, der in seinem Heimatland zu den am meisten gelesenen Autoren der Gegenwart zählt und ein vielgefragter Zeitdiagnostiker ist, tief in die Kiste der russischen Folklore gegriffen. Er lässt seiner Faszination für Dämonen und nachtfahrende Gestalten auch nun wieder freien Lauf. Dass er diese Figuren inmitten der aktuellen Moskauer Lebenswelt mit ihrer charakteristischen Mischung aus modischen Accessoires und turbokapitalistischen Grobschlächtigkeiten auftreten lässt, verschafft Pelewins Geschichten ihre Aktualität. Es scheint, als bekäme dieser Autor überhaupt erst Zugang zur Wirklichkeit, indem er sie durch Ausflüge ins Phantastische pointiert.

          Die Lehren der Vampirologie

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