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Victor Hugo: Der Mann mit dem Lachen : Er war das Grauen, sie war die Anmut

  • -Aktualisiert am

Bild: Achilla Presse

Lange bevor an die Schönheitschirurgie auch nur zu denken war, erfand Victor Hugo einen Helden, dessen Maske aus seinem eigenen Fleisch geschnitten war: Rainer G. Schmidt hat Hugos Monumental-Epos „Der Mann mit dem Lachen“ neu übersetzt.

          Die meisten Schriftsteller sind Landratten: Sie untersuchen das Land- und Stadtleben, haben die Füße fest auf Gras oder Stein, ihre Sprache formt solide Bahnen und Blöcke. Victor Hugo (1802 bis 1885) hingegen ist ein Autor des Meeres: Wellen, Strömungen, Gezeiten, Orkane und Strudel durchfluten Leben und Werk.

          Das Exil auf Jersey und Guernsey während des Zweiten Kaiserreichs mag dazu beigetragen haben: Der Roman „Die Arbeiter des Meeres“ (1866) ist vom Leben auf den Kanalinseln inspiriert. Aber früher schon, in „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1831), brausen und schäumen Volksmassen durch die Gassen von Paris. Der Seherdichter des Gedichts „Pasteurs et troupeaux“ nährt seine Visionen aus der Unendlichkeit des Ozeans, und noch der Stil von Hugos Dramen, der den klassischen Alexandriner auflöst, scheint von hydraulischer Kraft getrieben. Wie seine Zeitgenossen Michelet und Verne ruft Hugo in Erinnerung, dass Frankreich an drei Seiten vom Meer umspült wird und die Wogen zwischen Buchdeckeln schwappen können.

          Historischer Roman in neun Büchern

          In „Der Mann mit dem Lachen“ (1869), einem historischen Roman in neun Büchern, steht der Ozean an Anfang und Ende. Dazwischen lässt er ein Schiff sinken, eine Flaschenpost reisen - und durchtobt Mensch und Gesellschaft, wird zur Metapher für humane Stürme, Strudel, Schiffbrüche. Am Beginn steht eine grandiose Szene von epischem Ausmaß: In der Bucht von Portland zieht ein Wintersturm auf, trotz der Todesgefahr sticht eine Nussschale in See, besetzt mit einer abenteuerlichen Mannschaft. Die Männer lassen ein Kind am Ufer zurück, weihen den zehnjährigen Jungen dem Kältetod. Hugo entwickelt die Szene doppelt, aus Sicht des Boots, das auf dem Meer entschwindet, und aus Sicht des Jungen, der versucht, die felsige Landenge zu passieren. Beide Perspektiven driften nach und nach auseinander - eine fast filmische Vorgehensweise, die sich tief einprägt. Die Sequenz endet mit dem Schiffbruch, die Insassen werden vom monströsen Ozean verschlungen: „Die Orkane sind die Nervenkrisen und Wahnsinnsanfälle des Meers.“ Der Junge jedoch wird gerettet.

          Dieser Romanbeginn ist ein Ausschnitt aus einer unwahrscheinlichen Geschichte. Sie spielt im England der Jahre 1690 bis 1705: Gwynplaine, der Junge, ist Sohn eines Lords. Als Zweijähriger wurde er auf Befehl von König Jakob II. von sogenannten Comprachicos, Landstreichern, gekauft und entstellt; er erinnert sich an nichts. Als die Comprachicos fliehen müssen, setzen sie ihn aus. Er überlebt einen Schneesturm und rettet ein Findelkind: Dea, seine spätere Geliebte. Beide werden von Ursus aufgenommen, einem philosophierenden Gaukler, der mit einem Wolf von Ort zu Ort zieht. Die seltsame Familie arbeitet als Schaustellertruppe.

          Als Gwynplaine 25 Jahre alt ist, wird eine Flaschenpost gefunden, welche die Comprachicos vor ihrem Untergang ins Meer geworfen hatten. Sie enthüllt seine Identität: „Lord Fermain Clancharlie, Baron Clancharlie und Hunkerville, Marquis von Corleone in Sizilien, Pair von England“. Im Zuge einer Hofintrige erlangt der junge Mann seinen Titel wieder. Er tritt im House of Lords auf, will dort das Volk vertreten, wird aber ausgelacht. Gwynplaine flüchtet zurück zu den Gauklern - doch das Unheil nimmt bereits seinen Lauf.

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