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: Verwandle dich, du bist so schön

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Wer weiß, was Gedichte sind, hat es schwer mit Gedichten. Besonders mit Gedichten von heute. Denn nur selten bestätigen sie, was man über Gedichte schon weiß. Und wenn sie es tun, dann sind sie meist misslungen. Seit alle herkömmlichen Erkennungszeichen für Gedichte ihre Verbindlichkeit verloren ...

          Wer weiß, was Gedichte sind, hat es schwer mit Gedichten. Besonders mit Gedichten von heute. Denn nur selten bestätigen sie, was man über Gedichte schon weiß. Und wenn sie es tun, dann sind sie meist misslungen. Seit alle herkömmlichen Erkennungszeichen für Gedichte ihre Verbindlichkeit verloren haben und disponibel geworden sind, sieht sich jeder Leser von Gedichten gehalten, den Texten selbst abzulesen, welches Lyrikverständnis sie jeweils realisieren, und die Autoren ihrerseits versuchen unermüdlich zu erklären, was Gedichte für sie eigentlich sind, wie sie entstehen und was sie - vielleicht - bewirken können. Sie tun es mit poetologischen Statements, mit Selbsterläuterungen, in Interviews oder gar in eigenen Lehrveranstaltungen, vor allem aber in ihren Gedichten selbst.

          Mit einem solchen poetologischen Gedicht schließt auch der jüngste Gedichtband von Silke Scheuermann: "Die Art wie Gedichte arbeiten", wobei mit "Art" natürlich auch die Kunst gemeint ist. Es mündet in die bekenntnishaften Verse: "Die Art wie Gedichte arbeiten / ist zufällig / mutwillig / und von gleißend heller /Selbstverständlichkeit." Schön wär's! Aber: Wer leistet denn hier eigentlich die "Arbeit"? Arbeiten wirklich die Gedichte daran, verstanden zu werden? Oder ist es vielleicht doch eher die Autorin, die sie mehr oder weniger mühselig zustande gebracht hat? Oder leistet am Ende nicht sogar der Leser die Arbeit, wenn er sie zu entziffern versucht? In ganz so "gleißend heller Selbstverständlichkeit" jedenfalls wollen mir die Gedichte von Silke Scheuermann nicht erscheinen.

          Gewiss: Was der Lyrikerin einfällt und was sie arrangiert, ist zwischen dem Zufall der Assoziationen und dem absichtlichen Mutwillen angesiedelt. Beides, das Glück des ersten Einfalls und die lust- und mühevolle konstruktive Ausarbeitung, muss offenbar auch bei ihr (wo nicht?) zusammenkommen, wenn das Gedicht gelingen soll. Aber wie viel von diesen Entstehungsbedingungen - sei's die Intuition oder die Intention - kann in den Texten sichtbar bleiben, wenn ihnen zugleich "Selbstverständlichkeit" zugebilligt werden soll? Um wie viel darf der Zufall den Mutwillen überwiegen? Das Verfahren, die Mach-Art dieser Gedichte lässt sich wohl am besten mit dem Prinzip der "Verwandlung" erläutern. Ein ganzer Teil des Gedichtbandes steht unter dem Titel "Verwandlungen im Stadtpark"; ein weiteres Gedicht heißt "Verwandelte Weide", und wiederholt ist von Verwandlungen, Neuordnungen, Nachahmungen, Veränderungen und Verwechslungen die Rede.

          Verwandelt kehren die Figuren der Mythen und der Märchen wieder: Atlantis und Ikarus (dieser erscheint ausgerechnet in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett), Ophelia, Vampire, Nixen, Nymphen ("Das Echo verwandelte sich in eine Nymphe"), Hexen, Engel und Wiedergänger bevölkern die Verse, und selbst das Ich, das alle diese Metamorphosen erzählt, bleibt von dem allgemeinen Gestaltenwandel nicht verschont: "Ich war eine Nadel", heißt es, die im Winter-Reich mit Schreibaufgaben betraut wurde: "musste in Schnee schreiben / was der Schnee gesagt hat". Nicht immer gelingen diese Schreibaufträge grammatisch zufriedenstellend: "Münchhausen seilte sich in den Ätna ab / sagte zu Venus hallo / ist dir Vulcano denn würdig?" Hallo, Lektorat!

          Die konkreteste Verwandlungsgeschichte, offenbar ein Seitenstück zu Scheuermanns erfolgreichem Roman "Die Stunde zwischen Wolf und Hund", heißt "Der Wolf / oder / Die Wege des Bösen / kreuzten sich diesmal im Stadtpark". Dort blättert der Wolf im "Buch der Verwandlungen" und probiert mehrere Menschenfiguren aus, um später seinem Rudel darüber berichten zu können, "wie es ist ein Mensch zu sein". Und die Moral von der Geschicht': "Kümmere dich / nicht um die Wölfe in welcher / Gestalt auch immer / sei freundlich / geh weiter / unverdrossen in Parks / und lächle den Alten an der sabbernd / von seinem Bänkchen her fragt / glaubst du das Rudel vermisst mich?"

          Man sieht, wie weit der Mutwille der Autorin reicht: Die Frage, ob das noch Lyrik ist, scheint sie nicht zu interessieren. "Ich versuche eben immer eine Art Handlung zu schaffen und theaterhafte Szenen zu bilden, die sich formal am ehesten mit Balladen vergleichen lassen", hat sie in einem Interview erklärt. Diese Wurschtigkeit in Gattungsfragen führt zu poetischen Gebilden, die ihre Wirkung eher dem epischen Inhalt als der lyrischen Form verdanken. Auch das sogenannte "epische Präteritum", die Länge der Gedichte, die Rhetorik der Fragen und Anreden lassen ein primär erzählerisches Mitteilungsbedürfnis erkennen.

          Silke Scheuermanns Gedichte leben von aparten Einfällen und kühnen, surreal eingefärbten Zusammenstellungen, von anekdotischen Vergleichen und eigenwilligen Formulierungen, von vorgestellten Situationen und witzigen Charakterisierungen. Die Musik der Worte dagegen spielt keine große Rolle, dem Vers und seiner Metrik gewinnt sie kaum etwas Kunstvolles ab, Reime gibt es nicht, übrigens auch, von den zahlreichen Fragezeichen abgesehen, keinerlei Interpunktionszeichen, was die Lektüre, zum Vorteil für die Gedichte, verlangsamt.

          Auch Silke Scheuermanns dritter Gedichtband nach "Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen" (2001) und "Der zärtlichste Punkt im All" (2004) enthält manches gelungene Gedicht, dass vom unzweifelhaften Talent dieser Autorin zeugt. Aber dieser Band zeigt auch, dass "Die Art wie Gedichte arbeiten" von der Arbeit der Autorin nur profitieren kann.

          WULF SEGEBRECHT.

          Silke Scheuermann: "Über Nacht ist es Winter". Gedichte. Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main 2007. 86 S., geb., 14,90 [Euro].

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