https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/verstuemmelte-lieder-1163652.html

: Verstümmelte Lieder

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Er schrieb, wie er gelebt hat, und er lebte wie eine Figur von Vittorini oder Volponi, mit einem Schuß Pasolini. Selbst sein Tod war romanesk: Er ist 1995 nicht eigentlich ertrunken, sondern im Meer verschwunden. Offene Übergänge sind auch die vier Romane, in denen sich Sergio Atzeni zwischen 1986 und 1996 zur Sprache gebracht hat. Der Titel des ersten in deutscher Übersetzung - "Bakunins Sohn" - sollte nicht abschrecken. Der russische Anarchist und Revolutionär ist nur eines der Spiegelbilder, an denen die Geschichte eines sardischen Tunichtguts, Unruhegeistes, "Dreckskerls", Agitators, Schauspielers, Gelegenheitssängers und Frauenhelden namens Tullio Saba vorbeiführt.

          Er ist ein Irregulärer, in die Gefahr verliebt, einer, der sich verausgabt in allem, was er tut; der jäh einen Affekt entwickelt, wenn er irgendwo Machtausübung, Beherrschung, Unterdrückung spürt. Widerstand ist sein Lebenselexier, und umgekehrt macht ihn dies zum rastlosen Rädelsführer von Freundschaft und Solidarität. Der Vater war wohlhabender Schuhfabrikant, aber schon er war ein Unangepaßter. Deshalb der anarchistische Übername Bakunin, dem der Sohn dann alle Ehre erwies. Als die Machenschaften der Politik dem Geschäft den Boden entzogen, mußte er ins Bergwerk und lernte die Welt von einer anderen Seite her kennen - das Unordentliche in den herrschenden Ordnungen - und wurde seinerseits politisch, soweit das seine Natur zuließ. Und das hieß damals: Wer nicht Faschist sein wollte, wurde Kommunist. Es sei denn, er war Opportunist.

          Dies ist die umfassende Konstellation im Hintergrund dieses knappen Romans. So beweglich, pointiert und unterhaltsam seine rückblickenden sardischen Momentaufnahmen sein mögen: Diskret betreibt er damit Kulturkritik an der Gegenwart. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist der so gut wie ausgesparte Betreiber dieser Geschichte. Soviel läßt sich immerhin sagen: Er geht wie ein Journalist vor und stellt an Schauplätzen und bei Beteiligten Nachforschungen über Tullio Saba an, dessen Spur sich bald nach Kriegsende im Tod verliert.

          So kommen zweiunddreißig Interviews zusammen, jedes mit einer anderen namenlosen Stimme. Sie bieten die unterschiedlichsten Erinnerungsreste - Nebensächliches, Nichtssagendes, Pikantes, Pistolen, Mord und Erotik. Jeder weiß etwas anderes mitzuteilen, spricht anders über den Fall; dies ist eine besondere Kunstfertigkeit des Autors. Motive kehren zwar wieder, wechseln jedoch ständig ihre Belichtung. Doch je mehr die Geschichte des Tullio S. anwächst, desto mehr löst sie sich in dieser Vielstimmigkeit auf.

          Was bleibt? Zwei diskret gesetzte Signale deuten es an. Die letzte Aufnahme zeigt Tullio, zeichenhaft, mit "verwüstetem Gesicht", schon zu Lebzeiten unkenntlich geworden. Bereits früher hatte er, bedeutungsvoll, "cantos mutilados", verstümmelte Lieder, gesungen. Die Recherchen bringen Materialien eines intensiv ausgetragenen Lebens zutage, das nicht aufgegangen ist. Und es wäre gänzlich hinter dem "Schleier der Erinnerung" verschwunden - hätte der Autor nicht jemand losgeschickt, um sie zusammenzutragen.

          Dafür gibt es einen tieferen Grund. Er sieht in Tullios Leben noch eine andere Geschichte: von einem, der auszog, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen (und sei es nur in einem sardischen Winkel der Welt) -, und von den Gründen, warum daraus nicht viel wurde. Hier öffnet sich der Zugang zur hintergründigen Pointe des Romans: Der Oppositionsgeist seines Helden hatte eine Behausung in den großen zeitgenössischen Ideologien gesucht. Doch nach dem Krieg war nicht nur der Faschismus ruiniert. Mit Stalins Tod und der Aufdeckung seiner Verbrechen war für Tullio auch der Kommunismus erledigt. So fand er sich als Engagierter wieder, der nicht mehr wußte, wieso er überhaupt gegen etwas sein sollte. Fest stand lediglich, daß sich mit ideologischen Kampfprogrammen keine - gute - Geschichte machen ließ. Deshalb konnte auch seine Geschichte im kleinen nicht mehr gelingen.

          Gleichwohl besteht ihr Reiz gerade darin, daß Atzeni dies auch auf seine Erzählweise abbildet. Die Äußerungen der Befragten fügen sich zu einer Folge, die keinen roten Faden findet. Rhapsodisch kreisen, wuchern und zirkulieren sie, ausgeliefert an die Egoismen, die Fabulierlust und Phantasmen der Zeugen. Im übrigen: Würde einem anarchistischen Element wie Tullio ein hierarchisches Erzählen überhaupt gerecht? So respektiert es zwar einen Bezugspunkt, aber keinen Mittelpunkt. Es sammelt die Scherben eines zerbrochenen Spiegels. Dennoch ist die Lektüre keineswegs ohne Genuß; auch wurde der Text verfilmt und auf die Bühne gebracht. Er gleicht dem Verzehr einer Artischocke. Blatt um Blatt, Episode um Episode nähert er sich dem Herzen, um schließlich preiszugeben, daß sie keines hat.

          WINFRIED WEHLE

          Sergio Atzeni: "Bakunins Sohn". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt und mit einem Nachwort von Andreas Löhner. Edition Nautilus, Hamburg 2004. 93 S., geb., 12,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wladimir Putin beim informellen GUS-Gipfel in Sankt Petersburg

          Wladimir Putin wird 70 : Ein einsamer Tag voller Arbeit

          Der Jubeltag des Präsidenten sollte ein ganz normaler Tag sein. Die Armeeführung ist bemüht, „zurückgeschlagene Angriffe“ und „vernichtete“ ukrainische Soldaten zu vermelden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.