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: Verschlungene Wege ins Nirgendwo

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MADRID, im MaiEs kommt höchst selten vor, daß die Literaturkritiker in fünf großen spanischsprachigen Ländern übereinstimmend den selben Roman zum besten Buch des Jahres erklären. Die Kritiker der wichtigsten Zeitungen in Buenos Aires, Mexiko-Stadt, Santiago de Chile, Bogotá wie auch Barcelona ...

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          MADRID, im Mai

          Es kommt höchst selten vor, daß die Literaturkritiker in fünf großen spanischsprachigen Ländern übereinstimmend den selben Roman zum besten Buch des Jahres erklären. Die Kritiker der wichtigsten Zeitungen in Buenos Aires, Mexiko-Stadt, Santiago de Chile, Bogotá wie auch Barcelona und Madrid entschlossen sich jedoch alle, den Roman "2666" des Chilenen Roberto Bolaño als bestes in spanischer Sprache geschriebenes Werk 2004 auszuzeichnen. Nicht, daß es keine Konkurrenz gegeben hätte: Neben vielen anderen prominenten Autoren hatte auch Nobelpreisträger Gabriel García Márquez nach langer Pause 2004 wieder einen Roman veröffentlicht.

          "2666" ist eines der drei posthum erschienenen Bücher Bolaños. Der chilenische Schriftsteller war, knapp fünfzigjährig, im Juli 2003 in Barcelona gestorben. Wenige Tage zuvor hatte Bolaño noch mit seinem Verleger Jorge Herralde von Anagrama in Barcelona über das umfangreiche Werk "2666", an dem er seit Jahren arbeitete, gesprochen. Er wollte das über elfhundert Seiten starke Werk in fünf Teilen und fünf Jahren nach und nach veröffentlichen, denn jeder Teil könne einzeln und unabhängig von den anderen gelesen werden. Zuletzt hatte er Jahr für Jahr ein Buch publiziert. Bolaño, der sich dem Tod nahe wußte und sich nur mit Hilfe von Literaturpreisen spanischer Kleinstädte über Wasser gehalten hatte, meinte, seine beiden Kinder könnten nach seinem Tod dann fünf Jahre lang von den in jährlicher Folge veröffentlichten Teilen des Romans leben. Sein Verleger und der mit Bolaño befreundete Kritiker Ignacio Echevarría beschlossen dann aber, die 1119 Seiten von "2666" in einem Band zu veröffentlichen (Roberto Bolaño: "2666". Editorial Anagrama, Barcelona).

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          Als der Roman erschien, scheuten die Kritikerkollegen Echevarrías keinen noch so hohen Vergleich. Sie stellten "2666" in die Reihe der bedeutendsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, neben den "Ulysses" und die "Suche nach der verlorenen Zeit". Der Rezensent von "La Vanguardia" schrieb, hier sei "nun der Roman für das neue Jahrhundert". Aufgrund seiner komplexen, auf Totalität zielenden kreisförmigen Struktur ist Bolaños Roman innerhalb der hispanoamerikanischen Literatur gut mit Julio Cortázars "Rayuela. Himmel und Hölle" zu vergleichen.

          "2666" beginnt und endet mit dem fiktiven deutschen Dichter Benno von Archimboldi. Die verschiedenen Handlungsstränge brechen allerdings immer wieder aus dem Kreis aus und hinterlassen zahlreiche offene Räume, die des Lesers Phantasie besetzen und ausfüllen kann. Archimboldi ist ein auch international vielbeachteter deutscher Schriftsteller. Über sein Leben und seinen Aufenthaltsort ist so gut wie nichts bekannt; um so eingehender wird sein Werk in vielen europäischen Ländern sowie in Mexiko studiert und zum Anlaß heftiger Fehden innerhalb der verschiedenen Archimboldi-Gemeinden. Ein spanischer und ein französischer Professor versuchen gemeinsam, einen mexikanischen Kollegen davon zu überzeugen, Archimboldi sei der größte deutschsprachige Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. "Aber war das nicht Franz Kafka?" fragt dieser überrascht. "Sagen wir dann, der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts", lenken die Europäer ein. Der Mexikaner erwidert: "Wo bleiben dann Thomas Bernhard und Peter Handke?"

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