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Véronique Bizot: Eine Zukunft : Würstchen im Teigmantel sind die Krönung

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Véronique Bizot ist eine Meisterin des Schweigens an der richtigen Stelle: Ihr Roman „Eine Zukunft“ erzählt von der unheimlichen Macht einer Familie.

          4 Min.

          Alles beginnt mit einem Wasserhahn. Ob er mal nachsehen könne, dass der richtig abgelassen sei, schreibt Odd seinem Bruder Paul im Postscriptum eines Briefes, in dem er ihn außerdem wissen lässt, er werde auf unbestimmte Zeit verreisen, er sei am Ende und nicht sicher, ob er je zurückkommen werde. Der Bruder kommt der Bitte nach.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Durch die winterlich verschneite Landschaft fährt er die rund dreihundert Kilometer bis zum Haus seiner Familie, das stattlich, aber vollkommen verlassen irgendwo in der vollendeten Einöde liegt. Hier sieht er nach besagtem Wasserhahn, prüft bald alle anderen Hähne im gesamten Haus und landet über dem Umherwandeln in dem alten, erinnerungsgesättigten Gemäuer bei der eigentlichen Aufgabe, die Odds Brief ihm stellt. Paul versucht zwar - und durchaus mit Erfolg -, die Sorge um seinen Zwillingsbruder klein zu halten, aber er weiß auch, dass dessen Schreiben ein Hilferuf ist, den er erhört.

          Kleine Auslöser für große Momente

          Es ist eine Kleinigkeit, die in dem neuen Roman von Véronique Bizot die Dinge in Bewegung versetzt. Und wer die Französin schon kennt, wer etwa ihren im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Meine Krönung“, dieses kleine Meisterwerk, gelesen hat, der weiß, dass sich Bizot damit treu bleibt. War es damals die plötzliche Ehrung eines bereits greisen Wissenschaftlers, der lange nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben für eine physikalische Entdeckung gewürdigt werden sollte, an die er sich gar nicht mehr erinnern konnte, ist es nun ein Wasserhahn, der dafür sorgt, dass sich der Held der Geschichte seiner Vergangenheit stellen muss.

          Denn genauso wie das letzte ist auch das neue Buch mit dem Titel „Eine Zukunft“ eine in weiten Teilen aus Erinnerungen zusammengesetzte Geschichte. Zunächst geraten die Ereignisse gedanklich ins Rollen, bevor sie dasselbe, ganz zum Schluss, jeweils auf der allerletzten Seite, auch in Wirklichkeit tun.

          Paul durchstreift das Haus seiner Kindheit, in dem zu allem Überfluss die Heizung ausgefallen ist, mit einer Mischung aus vertrautem Unbehagen und erlerntem Desinteresse. Die Küche, das Billardzimmer, die Bibliothek mit dem alten gelben Samtsessel gleich neben dem Kamin lassen Erinnerungen an seinen Vater wach werden, der nach dem Tod der Mutter mit diversen Geschäftsideen scheiterte und sich schließlich vor den Augen seiner sechs Kinder von einer reichen Amerikanerin aushalten ließ.

          Seine Mutter, die stolze, schweigsame Norwegerin, deretwegen die Nachbarn das Anwesen als „Norwegerhaus“ bezeichneten, hatte zu Lebzeiten nichts lieber getan, als auszureiten, wobei sie stets nur die drei Töchter mitnahm, nie aber ihre drei Söhne. Nach ihrem Tod - sie fiel vom Pferd -, landete die Tochter Margarete zur Erleichterung aller bald in der Irrenanstalt. Die Geschwister Adina und Dorthéa, ebenfalls Zwillinge, gelang es zwar spät, aber immerhin gleichzeitig, passable Ehemänner zu finden, mit deren Hilfe sie das Familienanwesen verlassen konnten. Dann gibt es noch Harald, erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in Paris, dessen gegenwärtiges Dasein auf den Ich-Erzähler Paul den Eindruck macht, dass er „radikal mit allem gebrochen hat, was ihn an unsere Familie und die Existenz unseres Hauses erinnern könnte“.

          Paul selbst, so lernen wir, hat es als ewig reisender Ingenieur und Experte für den Bau von Staudämmen zwanzig Jahre lang vermieden, sich einen festen Wohnsitz zu suchen und ist erst vor kurzem in ein Appartement in der Pariser Rue Lafayette gezogen.

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