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Verena Mermer über Pendler : Jeder reist für sich allein

  • -Aktualisiert am

Bus der Hoffnung: Junge Jobsuchende unterwegs mit einem Nachtbus in Italien auf der Suche nach Sicherheit. Bild: dpa

Verena Mermer beschreibt in ihrem Roman Pendler zwischen Wien und Cluj. In einfühlsamen Kurzporträts gibt Mermer einen Einblick in die Reisegemeinschaft.

          Eine Fahrt im Nachtbus von Wien ins siebenbürgische Cluj-Napoca lässt sich im Internet für 25 Euro buchen und dauert elf Stunden. Wenn man das Pech hat, in den Wiener Feierabendstau zu geraten oder es vor der ungarisch-rumänischen Grenze allzu heftig zu schneien beginnt, werden es leicht mehr. So ergeht es 42 Passagieren und zwei Fahrern, die an Bord von Verena Mermers „Autobus Ultima Speranza“ kurz vor Weihnachten die Strecke zurücklegen. „Freude am Reisen? Verspüren die wenigsten. Die meisten pendeln seit Jahren zwischen Familie und Lohnarbeit.“

          Was den Passagieren in diesem billigsten, unbequemsten Verkehrsmittel durch den Kopf geht, ist für ihre Mitreisenden so undurchsichtig wie Diplomatenpost. Jeder reist für sich allein. Lesend erfahren wir es. Mermer, die drei Jahre als Lektorin in Cluj gearbeitet hat und nun in Wien lebt, collagiert einfühlsame Kurzporträts der provisorischen Reisegemeinschaft. Wir erfahren von Daiana, einer Putzkraft, die ihren Psychologie-Master bei der Jobsuche lieber für sich behält, um nicht überqualifiziert zu wirken; sie putzt lieber in Wien „als in Cluj oder Bukarest. Zu einer fremden Oberschicht hat sie mehr Distanz als zu neureichen rumänischen Junggesellen oder versnobten ungarischen Hausfrauen.“ Wir lernen Andrei kennen, einen Rom, dessen Familie ihn zum Broterwerb fortgeschickt hat – „einer musste“ – und der nun österreichische Gurken pflückt.

          Nicht alle fallen sie einander während der langen Fahrt auf, nicht alle leiden unter ähnlichen Existenzsorgen. Eine junge Österreicherin freut sich aufs Erasmus-Semester in Cluj, der Reservefahrer guckt Pornos auf dem Handy („ostweiber.de“), ein Junge spielt ein Zombiespiel auf seinem. Diplomaten? In diesem Bus reisen keine, jedenfalls nicht solche mit Immunität. Und doch handelt der zweite Roman der österreichischen Autorin von internationaler (Miss-)Verständigung. Es geht, hochgerechnet, um Europa, „diesen Kontinent, der nach und nach auch seinen östlichsten Einwohnern Reisefreiheit zugestand“. 2014 erhielten rumänische Staatsbürger in Österreich (wie in Deutschland) die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. Seitdem hat sich die Zahl dort lebender Rumänen fast verdoppelt, allein nach Wien zogen mehr als 10.000, viele davon per Bus.

          „Speranza“, der Name der fiktiven Buslinie, in deren Vehikel der Roman spielt, ist gleichwohl ein PR-Euphemismus. Die Hoffnung fährt nicht mit, nicht ohne Attribut. Schon eher: die enttäuschte, die verlorene, die letzte. „Pflanzen vertrocknen“, aphorisiert Mermer einmal, „wenn sie zu raschen Ortswechseln ausgesetzt werden.“ Ihren komplexen, oft bewegenden Charakterzeichnungen merkt man an, dass sie nicht von oben herab, nicht blind gen Osten spekulieren, sondern, wie man der Danksagung entnimmt, aus zahlreichen eigenen Gesprächen mit Busreisenden bestehen.

          Leider bremst sich der Roman in der zweiten Hälfte manchmal im Erwartbaren aus. Etwas gezwungen wirkt, dass die Fahrgäste auf dem Rastplatz dem rauchenden Busfahrer, einer müden Reinkarnation des gläsertrocknenden Barkeepers, „der Reihe nach“ ihre Lebensgeschichten erzählen, „die jeweils eine Zigarettenlänge dauern“. Als zur Unterhaltung der Passagiere auf dem DVD-Spieler „Spider-Man“ läuft, tönt anderswo ein Handy. Klingelton: „Superhero“. Kurz darauf tagträumt ein Vater, der sich zum Wohle der Familie auf Baustellen verdingt, von der Uni-Abschlussfeier seiner Tochter. Prompt „hallt“ die Hymne „We are Young“ durch den Bus. Der Soundtrack verkleinert die Wirklichkeit eher, als dass er sie verstärkte. Soziologisch ist der Roman beeindruckend voll, erzählerisch mitunter etwas flach, weil ausbuchstabiert: Als kurz hinter der rumänischen Grenze der Motor aufmuckt, hängt in dankbarer Koinzidenz die DVD. Es läuft „Titanic“.

          Echte Figuren im leicht abgewandelten Hoffnungsbus

          Man wünscht sich hier etwas impliziteres Schreiben, wie Mermer es etwa mit einem ominösen „Geisterbus“ handhabt, der, kaum sichtbar und nur selten erwähnt, dieselbe Strecke fährt wie der Speranza-Bus und dennoch eher als dieser in Cluj ankommt. Denn so muss man sich die anonyme Armut der Arbeitsmigration natürlich auch vorstellen: ein schlichtes Fahrzeug ohne Firmenlogo, kein Soziogramm seiner Insassen erlaubend.

          Dieser, sein wichtigster Appell – der politische – gelingt dem Roman: Die Figuren lesen sich echt, weil sie echt sind und hier nur leicht abgewandelt im Hoffnungsbus sitzen. Möge man ihre Vorbilder aus dem richtigen Leben als volle Mitbürger betrachten und nicht nur als mindestentlohnte Ost-Ausleihen an ein gütiges Westeuropa. Europäische Träumerei? Auf dem Papier zumindest funktioniert solch dialogische Ebenbürtigkeit. Am 1.Januar 2019 hat Rumänien erstmals die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Von Österreich.

          Verena Mermer: „Autobus Ultima Speranza“, Roman, Residenz Verlag, Salzburg und Wien 2018, gebunden, 20 Euro

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