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Verena Auffermann u.a.: Leidenschaften : Ohne zu wissen, was ich anhatte, kann ich mich nicht erinnern

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Bild: Verlag

Radikal und inspiriert: Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter porträtieren ihre neunundneunzig Lieblingsschriftstellerinnen - und damit die Lebens- und Überlebenskünstlerinnen der Weltliteratur.

          Künstlerromane haben ihren besonderen Reiz, weil es bei den Krisen ihrer Helden um einen höheren Zweck geht, aber auch, weil der Leser ahnt, dass der Stoff in mancher Hinsicht biographisch ist. Vier namhafte Kritikerinnen haben sich diesen Effekt zunutze gemacht und ein Lexikon über „99 Autorinnen der Weltliteratur“ verfasst, das sich wie ebenso viele Romane liest. Die Einträge sind kurzweilig und schwungvoll geschrieben, reich an Anekdoten und biographischen Details, in die sich die Werke der Porträtierten wie aus einem Guss zu fügen scheinen. Unwillkürlich beginnt man sich zu fragen, ob ein außergewöhnliches Schicksal zu den Auswahlkriterien zählte oder das Leben weiblicher Schriftsteller an sich zu Superlativen und dramatischen Wendungen neigt? „Leidenschaften“ jedenfalls lautet der Obertitel, den Elke Schmitter im Nachwort auch mit der Haltung des Autorinnenteams zu den von ihnen Betreuten begründet.

          Tatsächlich bilden sich die Vorlieben, Standpunkte und Erfahrungen der Verfasserinnen in Stil und Auswahl deutlich ab. Verena Auffermann konzentriert sich auf experimentelle Literatur und lässt dabei persönliche Eindrücke einfließen, die sie als Journalistin bei vielen Autorenbesuchen gesammelt hat. Bei Ursula März schimmern feministische Sympathien durch, wenn sie in ihrem Joanne-K.-Rowling-Artikel triumphierend vermerkt, dass „der größte Bucherfolg in der Geschichte der Menschheit auf das Konto des weiblichen Geschlechts geht“. Und während sie uns respektvoll darüber informiert, dass Aphrodite für Sappho „Göttin und persönliche Freundin zugleich“ war, bekennt die Schweizerin Gunhild Kübler, dass ihr die „sentimentale Frömmelei“ der Nationalikone Johanna Spyri „übel aufstößt“.

          Von einem sozialen Gewissen beseelt

          Literaturwissenschaftlichen Einwänden gegen die Auswahl begegnet Elke Schmitter mit dem unverblümten Hinweis auf geschlechtsspezifische Geschmacksurteile: „Helden des männlichen Selbstwertgefühls wie Jünger, Benn und Hemingway bestücken mit ihrer leicht ranzigen Erhabenheit oder testosterongeschwängerten Angriffslust selten weibliche Bibliotheken.“ Dem geschlechtslosen Zeitgeist allgemein ist das politisch korrekte Klima des Buches geschuldet. „Verantwortungsliteratur“ steht hoch im Kurs, auf die eine oder andere Weise sind alle Porträtierten von einem sozialen Gewissen beseelt. Aus fast jedem Land und jedem Erdteil bietet das Buch ein Autorinnenexemplar, wobei Aktivistinnen wie Arundhati Roy, Susan Sontag und Simone de Beauvoir natürlich nicht fehlen.

          Die Sympathie des Teams gilt ungewöhnlichen Lebensläufen, der Kühnheit und Kraft, sich in widrigen Umständen als schreibende Frau zu behaupten, familiäre Verpflichtungen und politische Repressalien in Kauf zu nehmen und die Einsamkeit nicht zu scheuen, die hervorragende Leistungen in einem traditionellen Männerberuf oft mit sich bringen. „Ich habe den ganzen Tag gearbeitet“, klagte George Sands Gefährte Alfred de Musset einmal: „Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.“

          Ertrotztes Recht auf Publikation

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