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Roman „Schwere Knochen“ : Im Wiener Schmugglereldorado

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Versteht sich auf süchtig machende literarische Mixturen: der österreichische Schriftsteller und Regisseur David Schalko. Bild: Ingo Pertramer

Merksätze fürs Leben: David Schalkos Ganovenstück „Schwere Knochen“ erzählt fabelhaft pointenprall die Geschichte eines Verbrecher-Quartetts.

          3 Min.

          Wer sich beim Kartenspiel aufs Glück verlässt, versteht nichts vom Mischen. Freiheit meint nichts anderes, als selbst zu bestimmen, wer wann durch die eigene Hand zu Fall komme. Nicht nur der Mensch, auch der Wiener ist am Ende ein Hordentier. Der Salzburger hingegen verliert immer den Nervenkrieg gegen sich selbst. Während Wien einen in den Selbstmord treibt, geht man in Salzburg freiwillig. Ohnehin gibt es nur zwei Arten von Menschen: Kunden und Anbieter. Und der Kunde ist nie König. Wer glaubt, er sei König, ist in Wahrheit immer der Knecht.

          Das sind so Merksätze fürs Leben, wie man sie hier lernen kann, vorsorgliche Leitgedanken zum Überleben in der Unterwelt, vermittelt von Autoritäten, die es wissen müssen, weil sie das Weiterleben unter widrigsten Umständen zu ihrem Hauptgeschäft gemacht haben: Stadtbekannte Gunstgewerblerinnen (wie man hier die Huren nennt), erfahrene Kleinganoven, Schieber, Schmuggler, Kartenspieler, ehrenwerte Zuhälter und hochverdiente Bandenbosse, denen die gesamte Stadt und ihre Stoßbezirke in strenger Kompetenzverteilung unterstellt ist.

          Es versteht sich, dass dies auch die Polizei vor Ort einschließt, mit der man gedeihlich zu einer Sozialpartnerschaft zusammengefunden hat. Schließlich kennt man sich aus Dachau und Mauthausen, denn im Konzentrationslager mussten sich die Kriminellen vom Wiener Stadtrand auch schon mit den Kommunisten, Russen, Juden sowie Polen arrangieren, statt andauernd bloß zum deutschen Herrenmenschen aufzuschauen: „Genau genommen war das spätere Österreich damals im KZ entstanden.“ Noch so etwas, das wir hier bald lernen: dass Lachen und Schaudern eng beieinander liegen. In diesem fulminanten Milieuroman ist das Vergnügliche oftmals des Grauslichen Anfang, den wir noch gerade ertragen.

          Verbrechersaga vor großer Kulisse

          Aufs Glück hat David Schalko sich jedoch nicht verlassen müssen, denn vom Mischen versteht dieser Autor sehr viel. Seine Mischung enthält Krimi, insbesondere Série Noire, dazu Lager-, Großstadt- und Sozialroman, außerdem Great Caper und Geheimagentenstory, Politthriller, Mafiaballade sowie Zuhälterromanze, gewiss auch einiges an Kolportage, Längen oder Hängern, aber insgesamt ergibt sich eine derart starke Mixtur, dass man süchtig werden kann: Ein Dreischillingroman, Grand Guignol und greller Spaß, so handlungs- wie pointenprall, voll schräger Typen, irrer Szenen, Alltagsweisheit, Aberwitz und Kabinettstückchen, vieles davon total überdreht und eben dadurch schwindelnd mitreißend.

          Es handelt sich um eine historische Verbrechersaga, angesiedelt im tiefsten zwanzigsten Jahrhundert und offenbar auf tatsächlichen Motiven und Figuren basierend, die der Erzähler souverän zu seiner Geschichte ausfabuliert. Im Wien der dreißiger bis frühen sechziger Jahre folgen wir vor großer zeitgeschichtlicher Kulisse – Anschluss, Weltkrieg, Alliiertenherrschaft in der Viersektorenstadt, Stalins Tod, österreichischer Staatsvertrag, Kubakrise, Mauerbau – den Fährnissen einer Viererclique, zu der sich Halbwüchsige im dritten Bezirk zusammenfinden, als sie einen Pakt fürs Leben schließen.

          Zunächst auf Trickbetrug und ungebetene Wohnungsräumungen spezialisiert (weshalb sie als „Erdberger Spedition“ bekannt werden), drehen sie im alliierten Schmugglereldorado der Nachkriegszeit bald richtig große Dinger, erst recht da sie als Kapos im Konzentrationslager das professionell organisierte Verbrechen am eigenen Leib kennengelernt haben. Das Lager hat sie daher, wie es heißt, nicht zu Opfern, sondern zu Tätern gemacht. So übernehmen sie die Wiener Unterwelt samt Glücksspiel- und Bordellbetrieben und können sich sogar gegen den konkurrierenden Nachwuchs, der von einer eifernden Puffmutter reichlich produziert wird, lange halten. Zunehmend aber brechen im Kleeblatt Streit und Zwistigkeiten aus und in Wien neue Zeiten an. Am Schluss ist zwar die junge Konkurrenz erledigt, doch die Clique ebenso.

          Leuchtende Bilder

          Zentralfigur der ausschweifenden Handlung ist ein gewisser Ferdinand Krutzler, von hünenhafter Statur und überall als Notwehrspezialist bekannt, weil er nach geschäftlichen Meinungsverschiedenheiten bereits elfmal Freispruch wegen tödlicher Notwehr bekommen hat (mit ein bisschen Hilfe seiner Freunde). Er ist es auch, der über die titelgebenden „schweren Knochen“ verfügt, nicht etwa nur weil er ein schwerer Junge ist, sondern buchstäblich physisch, nämlich erbbedingt. Das jedenfalls attestiert ihm sein Kumpan, der sich mit Knochen auskennt, weil er Erbe eines Fleischergeschäfts ist und dort selbst in fleischarmen Nachkriegsjahren erstaunlich reiche Ware vorhält (wozu der Inhaber gelegentlich auch Krutzlers Notwehropfer, vorzugsweise alte Nazis, filetiert).

          Historische Verbrechergeschichte: Der Roman „Schwere Knochen“ von David Schalko.
          Historische Verbrechergeschichte: Der Roman „Schwere Knochen“ von David Schalko. : Bild: Kiepenheuer & Witsch

          Dargeboten wird dies alles in achtzehn langen Abschnitten von einem wundersam allwissenden Erzähler, der nie aus seiner Anonymität heraustritt, halb Stimme des Milieus, halb teilnehmender Beobachter, kenntnisreich, verständnisvoll und dennoch dezidiert entrückt – als lauschten wir in einem Wiener Vorstadtbeisl in achtzehn hart durchzechten Nächten der Suada eines späten Zeitzeugen.

          „Schwere Knochen“ ist bereits Schalkos vierter Roman, und mit ihm hat er sich endgültig in die Meisterliga von Wolf Haas hineingeschrieben. Bislang hat der Autor, Jahrgang 1973, eher als Regisseur, insbesondere Film- und Fernsehmacher reüssiert. Die Idee zu dem historischen Ganovenstück soll er, wie man liest, schon lang gehegt und eigentlich als Serienformat geplant haben. Da ihm aber das Budget von Tom Tykwer und Achim von Borries offenbar nicht zur Verfügung stand, wurde daraus ein Roman: Tschuschenstadt Wien statt Babylon Berlin – ein Glücksfall für die Literatur und eine Lust für alle, die ohnehin das Kopfkino am höchsten schätzen, weil Bilder nirgends stärker leuchten als in der eigenen Vorstellungskraft.

          Im knappen Vorwort heißt es: „Diese Geschichte ist bestimmt nicht wahr“ – zum Glück, kann man da gewiss nur anfügen. Schöner aber sind wir lange nicht beschwindelt worden, und selten kommt das Schwere derart leichtgängig daher. 

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