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Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns : Einer bleibt, der von Leid und Vergeltung erzählt

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Die historisch realen und literarisch erdachten Protagonisten sind Armenier, denen es nicht selten als Einzigen ihrer Familien gelungen war, dem 1915 durch die Jungtürken initiierten Genozid an ihrem Volk zu entkommen. Ein Leben lang trugen sie an der Schuld, überlebt zu haben, wie Sahag Seitanian, der mit seinen Eltern und seiner Schwester durch das Martyrium der Todesmärsche in die syrische Wüste getrieben wurde. Er kam davon, weil ihn seine Mutter im letzten Kreis der Hölle Beduinen zur Sklavenarbeit übergeben hatte. Irgendwann konnte er fliehen und sich nach Rumänien retten. Hier wird er noch Jahrzehnte später heimgesucht von den Stimmen und Bildern der Verhungerten und Ermordeten.

Nicht Ohnmacht, sondern Widerstand

Mit seiner poetischen, präzis-lakonischen Sprache, kongenial und einfühlsam von Ernest Wichner ins Deutsche gebracht, ist dies wahrlich ein Jahrhundertbuch. Sein Autor, Varujan Vosganian, ein studierter Mathematiker und promovierter Volkswirt, gilt als Politiker im heutigen Rumänien als höchst umstritten. 1958 im rumänischen Craiova in einer armenischen Familie geboren, ist er derzeit Minister für Handel und Industrie seines Landes. Wegen seiner neoliberalen und rechtskonservativen Positionen, etwa der nach einem staatlichen Anschluss Moldaus an Rumänien, wird er heftig kritisiert. Eine Kandidatur als Vertreter Rumäniens in der Europäischen Kommission scheiterte.

Dessen ungeachtet erntete er für seinen Roman, der in mehreren europäischen Sprachen vorliegt, zu Recht Anerkennung. Die Handlung beginnt mit den Massakern in Trapezunt, dem heutigen Trabzon, im Jahr 1895/96 und endet mit der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink durch einen aus Trabzon stammenden Attentäter. Dazwischen zieht sich das Schicksal des armenischen Widerstandes wie ein roter Faden durch die Handlung. Nach den nie vollstreckten Urteilen an den türkischen Drahtziehern des Genozids hatte es eine Untergrundgruppe auf sich genommen, das den Armeniern zugefügte Unrecht durch gezielte Attentate im Rahmen der Operation Nemesis zu rächen. Der Roman ist somit nicht nur einer über die ungeheuren Leiden, sondern auch über die Widerstandskraft dieses kleinen Volkes und dürfte neben Franz Werfels „Vierzig Tage des Musa Dagh“ in die Literaturgeschichte eingehen.

Die Erinnerung wach halten

Die zahlreichen episodisch aufgebauten – oft orientalisch-patriarchalischen – Erzählungen geben Einblick in tragische und tragikomische Verstrickungen der Menschen in die totalitären Systeme des vergangenen Jahrhunderts. Während die einen, wie Hatin Fringhian, mit Glück und Chuzpe den brutalen Ideologien und ihren Vollstreckern widerstanden oder sie, wenn auch mit Blessuren, zumindest überlebten, liefen andere im Gleichschritt der Mächtigen, wie jener Armenier, der sich als Chef der Securitate in Constanța am Angstschweiß seiner Opfer berauschen konnte. Die Leistung des Buches besteht auch darin, fast vergessenes Unrecht literarisch zu dokumentieren, wie die unter der Regie der Sowjets nach dem Krieg organisierte höchst zweifelhafte Repatriierung Tausender Armenier in die sowjetische Föderalrepublik, eine Heim-ins-Reich Aktion, bei der die Rückkehrer meist vom Regen in die Traufe kamen. Viele landeten wenig später als verdächtige Nationalisten und angebliche Spione in sibirischen Arbeitslagern.

Es sei vorbei, hatte der Großvater auf seinem Totenbett geflüstert, bevor man ihm die zerfledderte Kladde mit der Dokumentation der Operation Nemesis in den Sarg legte. Doch hier irrte der sonst so weise Alte. Der Genozid existiert als offene Wunde nicht nur im Gedächtnis der in alle Welt verstreuten Armenier bis in unsere Tage fort. Im Istanbuler Gezi Park stieß man bei Bauarbeiten auf Grabsteine des größten armenischen Friedhofs der Stadt, der 1939 endgültig zerstört wurde. Keine Gedenktafel erinnert daran. Und gegen die in Genf in der Nähe des Quartiers der Vereinten Nationen für 2014 geplante Errichtung eines Mahnmals für die ermordeten Armenier – Laternen, die Tränen gleichen – laufen türkische Stellen Sturm.

Varujan Vosganian: „Buch des Flüsterns“. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013. 510 S., geb., 26,– €. 

 

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