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V.S. Naipaul: Afrikanisches Maskenspiel : Das Licht am Eingang des Tunnels

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Bild: Verlag

Die Weißen müssen ihre Identität verletzen: Mit Furor und Besonnenheit vermisst V.S. Naipaul in seinem Reisebericht „Afrikanisches Maskenspiel“ Angst, Magie und die Zivilisationschancen des europafernsten Kontinents.

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          Er wusste nicht weiter: Kaum dass er Anfang der fünfziger Jahre der glühend öden Leere seiner Geburtsinsel Trinidad nach Oxford entronnen war, überrannte ihn eine derart aussichtslose Verlorenheit, dass er eines Tages den Gashahn aufdrehte und sich in seinem besten Anzug auf die Bahre seines Bettes legte und die Augen für immer schloss. Sollte er im Purgatorium landen, würde er seine Jahre auf Trinidad wie die in England zur Milderung seiner Strafe geltend machen können.

          Wie gern hätte der Tod diese Herausforderung angenommen; doch das Gas ging ihm aus: Kein schlechtes Omen, und Vidiadhar Surajprasad Naipaul begann, seinen Selbstmord hinauszuzögern, indem er sich tagaus, nachtein ins Dasein schrieb. Nur ein Buch nach dem andern – Romane, Essays und der von ihm zu einer eigenen Kunstform ziselierte Reisebericht – sicherte ihm ein Recht auf seine Existenz. Mit dem „Haus für Mr. Biswas“, Naipauls erstem Meisterwerk, schien das Commonwealth 1961 jenen literarischen Wettstreit gegen die Vereinigten Staaten, den es seit dem Zweiten Weltkrieg verbissen austrug, für sich entschieden zu haben. „Die Welt ist, was sie ist“, begann Naipaul denn auch 1979 den besten seiner und aller Romane über Afrika, „An der Biegung des großen Flusses“, und wer nichts aus sich macht, hat keinen Platz in ihr.

          Olympische Gelassenheit

          Mit diesem Do or die, „Erschaffe oder stirb“, der Unvorhersehbarkeit der so pointiert strengen Lyrik seiner Prosa und einer ans Unverschämte bis Taktlose grenzenden Freimütigkeit ist der inzwischen fast Achtzigjährige zu einem jener extremistischen Schriftsteller emporgewachsen, die sich die Weltliteratur gerade noch leisten kann – und zu einem Albtraum für jede vage linksliberale Gesinnung, ihren theatralischen Kummer ob der Suprematie des „imperialen Westens“ und ihren touristischen Dritte-Welt-Fetischismus, der von der basarreichen Kultur Indiens und Afrikas schwärmt, von Lastenausgleich und ihrem Urlaub in Dubai und auf sumpfigem Grund vom „Dialog zwischen Ost und West“: all das immer in der Gewissheit dahingesagt, es werde ohne realpolitische Konsequenz bleiben, da der eigene Lebensstandard andernfalls aufs Empfindlichste gefährdet wäre. Dabei sprach Naipaul mit oft ätzender Bitterkeit nur offen aus, was führende Afrikanisten wie John Iliffe oder Richard Rathbone und seine vermeintlichen Kontrahenten von Breyten Breytenbach über Édouard Glissant und Le Clézio bis zu Derek Walcott hinter den bleiernen Abstraktionen eines „postkolonialen Diskurses“ verbargen.

          Als Naipaul zum Sir ernannt und ihm 2001 obendrein der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, kam ihm der Protest aus Iran und Englands muslimischer Glaubensgemeinschaft nur recht: In seinen ersten beiden Büchern zu den Religionen Afrikas, „Eine islamische Reise“ und „Jenseits des Glaubens“, hatte er die Theokratien des Islam eines neuen Kolonialismus bezichtigt, elementarer als jeder andere zuvor: Multikultureller Mühen abhold, verabscheuten sie „den Westen“ als hochansteckende Krankheit und zehrten von ihm zugleich wie Maulana Maudoodi, der in Pakistan hysterisch seinen allem überlegenen Fundamentalismus predigte und sich – des medizintechnischen Know-hows wegen – in einem Krankenhaus in Boston behandeln ließ. Bei Naipaul war nicht der Islam eine Obsession Europas, sondern Europa eine Obsession des Islam. Und die Furcht seines amerikanischen Publikums angesichts von 9/11 beschwichtigte er in unverfroren olympischer Gelassenheit mit der zitierreifen Sentenz, die Terroranschläge auf das World Trade Center seien „eine Kriegserklärung von Menschen, die vor allem eines wollen: eine green card“.

          Britische Kolonialherrschaft als friedvolles Intermezzo

          Ein „braunhäutiger Verräter“ für die einen, ein „Lakai“ der britischen Oberschicht und ein „Snob“, ist Sir Vidia für die anderen der nüchtern heroische Niemand in Polyphems Höhle aus Homers Odyssee, der sich noch in der gräflichen Stille von Wiltshire wie auf dem Pazifik ausgesetzt sieht, ein Allesanzweifler von nirgendwo und überall, der jederzeit einen Abgrund sieht, wenn er neben sich blickt, und nichts so heillos fürchtet wie den Treibsand tyrannischer Platitüden, das Versagen, Scheitern, den Schiffbruch, mit dem er einst selbst an der Küste Englands gestrandet war. Auf seinen ersten Reisen durch Afrika war er Zeuge geworden, wie man – in berechtigter Verbitterung – leichterhand Zivilisationen zu Fall bringen kann, die belgischen Städte Ruandas und des Kongo Joseph Mobutus, ohne dass auf den imperialen Ruinen dann wirklich Eigenes, Neues errichtet worden wäre.

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