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Uwe Timm: Rot : Die Gans in der Revolte

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Von freier Liebe und revolutionärer Weltverbesserung geprägt, dreht sich in Timm Uwe Roman „Rot“ abermals alles um das Jahr 1968. Der Begräbnisredner Thomas Lind sucht vergeblich die Ideale von damals in der Gegenwart. Für Graugänse interessiert sich heute niemand mehr.

          Die Graugans hat eine Körperlänge von achtzig Zentimetern. Ihre Flügel kommen auf eine Spannweite von einhundertsiebzig Zentimetern. Sie hat ein hellgraues Gefieder, einen lichten roten oder einen orangeroten Schnabel sowie rosa Füße. Ihre Tage verbringt die Graugans in größeren stehenden Gewässern mit Schilfbeständen oder Weidengebüsch, auch in Sümpfen, Marschen und auf Wiesen. Die intellektuelle Hochzeit der Graugans lag im Jahr 1979. Zwei Jahre nach dem Ende des sogenannten deutschen roten Jahrzehnts (1967 bis 1977, siehe dazu auch das dicke Buch des ehemaligen Berufsrevolutionärs Gerd Koenen „Das rote Jahrzehnt“) erschien zuerst in Deutschland und gleich darauf in französischer Übersetzung das erfolgreichste Buch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz: „Das Jahr der Graugans“. Die bundesrepublikanische Leserschaft langte sofort hin. Fünfzigtausend Menschen (zum Vergleich: 22 000 Menschen wählten bei den Bundestagswahlen 1976 die Kommunistische Partei Deutschlands, und von der „Roten Fahne“, dem Zentralorgan der Partei, wurden 15 000 Exemplare in jeder Woche gedruckt - bis 1980, als die Partei sich auflöste) wollten aus dem Stand heraus ohne Wissen über die Graugans nicht mehr in ihrem Trott weitermachen.

          Freie Liebe und studentische Weltverbesserung

          Was trieb diese Menschen zur Graugans? Eine Vermutung liegt auf der Hand: Man suchte nach einer Erklärung für eine Jugend, die in den zurückliegenden Jahren außer Rand und Band geraten und den Gänserichen Marx, Engels, Lenin sowie der Pekinggans Mao hinterhergelaufen war. Die Revolutionsjugendlichen stehen heute so zwischen dem fünfzigsten und dem sechzigsten Lebensjahr. Zum Beispiel Thomas Lind. Fünfzig Jahre alt ist der Held aus Uwe Timms (er selbst stammt aus dem Jahr 1940) neuem Roman „Rot“. Die Geschichte bietet einen Rückblick auf die Graugänse der Revolution, die im nachrevolutionären bürgerlichen Fortkommen einige Federn gelassen haben. Uwe Timm selbst kann vom Revolutionsjahrzehnt, das er aus eigener Anschauung kennt, nicht lassen. Sein erster Roman „Heißer Sommer“, erschienen 1974, war der erste deutsche Roman über die Studentenbewegung.

          Konrad Lorenz hatte herausgefunden, daß eine Graugans einen Menschen als Mutter annimmt, wenn der Mensch das erste Lebewesen ist, das dem Küken begegnet. Aus diesem Zusammentreffen erwächst eine geradezu kindliche Anhänglichkeit des Küken an den Zweibeiner. Lorenz nannte dieses Grundverhaltensmuster eine frühe Prägung. Die Graugans, damit legt der Biologe einem den Vogel ans Herz, ähnelt in ihrem sozialen Verhalten, in ihren persönlichen Freundschaften, in ehelicher Liebe, Treue und Untreue sowie in ihrem Verhalten zu Fremden und Bekannten dem Menschen (dem Spießer oder dem Revolutionär, hakt der Achtundsechziger hier gleich nach).

          Die Farbe Rot, meint Uwe Timm, ist die Prägefarbe der Graugänse der Revolution. Thomas Lind ist von Beruf Begräbnisredner und schreibt an einem Buch über: eben die Farbe Rot, die nicht nur die Farbe der Revolution, sondern auch der Liebe und des Blutes ist. Als Motor seiner Erinnerungen (weiter und stärker denken dank gutem Sex) wird dem alten Lind deswegen auch eine um zwanzig Jahre jüngere Freundin (die Blondgans könnte seine Tochter sein) ins Bett gelegt. Sie hört auf den Namen Iris, ist Designerin und möchte wissen, wie es in der Jugend ihres Geliebten zugegangen ist. Lind und seine Freunde, das stellt sich bald heraus, gehören zu der Masse von Graugänsen, die in einem kurzen Präge-Jahrzehnt einerseits die freie Liebe (in Schweden war's zum ersten Mal im Freien), andererseits die studentische Weltverbesserung (von der Einsamkeit des Flugblattverteilers vor dem Fabriktor bis zum ersten Auftritt im vollen Hörsaal der Sorbonne) kennenlernten - und zwar zugleich

          Dann wärmt eben doch die Liebe

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