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Uwe Timm: Halbschatten : Seufzen und Sausen

Dahlem hat das im Krieg erlernte Fliegen nicht zum Beruf gemacht. So hätte eine Liebesbeziehung zur Voraussetzung, dass er die Vertauschung der Geschlechterrollen akzeptieren müsste. Marga von Etzdorf erzählt, indem sie unter dem Sternenhimmel der Wüste Heines „Abenddämmerung“ aufsagt, alles über sich: Seit jeher sah sie sich in ihren Sagen und Märchen als Knabe.

In den im Roman nicht zitierten Versen des Gedichts wird das Wellenrauschen am Strand beschworen, das dem Dichter die Erzählungen der Sommerabende ins Gedächtnis ruft: „Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen, / Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, / Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen“. Diese Verse verweisen auf die Poetik des Romans, dessen Form der Autor mit einer musikalischen Gattung verglichen hat: dem Oratorium. Die Stimme Marga von Etzdorfs, die sich am 28. Mai 1933 nach der Landung in Aleppo erschossen hat und auf dem Berliner Invalidenfriedhof begraben wurde, wechselt sich ab mit den Stimmen anderer historischer Persönlichkeiten, deren Gräber sich auf demselben Friedhof finden beziehungsweise, wie im Fall von Reinhard Heydrich, gerade nicht mehr finden.

Vom Sagenschatz des preußisch-deutschen Altertums

Da das seltsame Geräusch, das dem Ich-Erzähler in die Ohren steigt, als er unter dem Geleit eines Fremdenführers über den Friedhof wandert, nicht aus dem Wasser kommt, sondern aus der Erde, einer Erde, in die Massenmörder mit größtem Pomp und Zufallsopfer des Endkampfs um Berlin ohne Zeremoniell versenkt worden sind, mischen sich ins Murmeln, Seufzen und Sausen unheimlichere Töne, ein Röcheln und Gurgeln, ist das Lachen ein Scheppern und Meckern. Die Rezitation der Rezitation der „Abenddämmerung“ ruft in der Totenstadt das Gezeter eines Nachbarn hervor: „Was ist das für ein Gejüdel. Is doch von Heine, gell?“ Unfriedlich liegen Helden, Versager und Verbrecher beieinander, an letzte Ruhe ist nicht zu denken.

Uwe Timm hat eine Welt erhebender und abschreckender Erzählungen ausgegraben, den Sagenschatz des preußisch-deutschen Altertums. Wie über diese Lebensform zu richten ist, die uns ferner gerückt ist als je eine mythische Vorzeit, das gibt die überaus kunstvolle, dabei bewundernswert ökonomische und insofern urpreußische Machart der Stimmencollage nicht vor. Können wir dem kurzen Leben der Langstreckenfliegerin mit dem gewaltsamen Ende im Jahre des Unheils eine Bedeutung in der Erzählung unserer Nationalgeschichte zuweisen?

Heine und García Lorca

Der spanische Hauptmann, der Heine zu hören wünschte, hatte Marga von Etzdorf ein Gedicht von Federico García Lorca mit dem Titel „Memento“ vorgetragen. „Ich hörte die Sprache, die Melodie, ohne zu verstehen, und doch verstand ich. Ein Gedicht, in dem der Tod aufgehoben war, aufgehoben im Klang.“ Die zweite Strophe lautet: „Wenn ich dereinst sterbe / zwischen den Orangen / und den guten Minzen.“ Die Fliegerin hatte den Soldaten Orangen mitgebracht. Die dritte Strophe: „Wenn ich dereinst sterbe, / dann begrabt mich, wenn ihr wollt, / in einer Wetterfahne.“

Marga von Etzdorf verursacht in Aleppo eine Bruchlandung, weil sie mit dem Wind statt gegen den Wind landet. Der französische Kommandant des Flughafens versucht sie zu trösten. „Er zeigt auf den Windsack, um deutlich zu machen, der Windsack war sichtbar und vorschriftsmäßig angebracht.“ So subtil und diskret ist dieser bewegende Roman gearbeitet.

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