https://www.faz.net/-gr3-13u9b

Uwe Tellkamp: Reise zur blauen Stadt : Taube oder Spatz?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Nach seinem Zeitroman „Der Turm“ legt Uwe Tellkamp nun erstmals einen Lyrikband vor. „Reise zur blauen Stadt“ ist eine poetische Collage, in der nicht Dresden die Hauptrolle spielt, sondern Venedig, Wien und Prag.

          3 Min.

          Hätte der Baron von Münchhausen heute eine Chance auf literarische Förderung? Offenbar nicht, will uns Uwe Tellkamp glauben machen. Die fiktive Ablehnung steht am Eingang seines neuen Buchs. Ein hübscher Einfall. Man kann eigentlich nicht umhin, zum geneigten Leser des Kommenden zu werden. Um so mehr, als es sich dabei um ein märchenhaftes Capriccio handelt, das kaum ein Leser von Tellkamps Zeitroman „Der Turm“ erwartet haben dürfte.

          Märchenhaftes verspricht schon der Titel. „Reise zur blauen Stadt“ lässt ebenso an die Blaue Blume der Romantik denken wie an Malerei von Paul Klee oder Franz Marc. In vierzig lyrischen Sequenzen entwirft der Autor das Bild einer imaginären Stadt, die uns so fremd wie traumhaft vertraut anmuten soll. Manchem mögen dabei Canalettos phantastische Veduten in den Sinn kommen, komponiert aus historischen und fiktiven Motiven. Ähnlich verfährt Tellkamp in seiner poetischen Collage, wenn er seine Stadt mit einem Serapionstheater, einem Basar und einer Nautischen Akademie ausstattet und in Veduten aus Venedig, Wien und Prag einfügt.

          Realität und Erfindung, anmutig vereint

          Das ist oft von großem Reiz. Vor allem die venezianischen Passagen fügen Realität und Erfindung anmutig zusammen. Tellkamp schneidet Snapshots, Epiphanien und Allegorien ineinander: „Der Löwe hat Zahnweh, die Lagune ist mit knisterndem / Damast gedeckt, Möwen schaukeln auf der Piazetta, / vor Europas großem Empfangssalon.“ Er evoziert den Winterabend, „wenn die Kanäle / eingedickt sind zu Lötzinn, das die Gondolieri / mit langen Buchenholzlöffeln vorsichtig rühren“. Oder es gelingt die Synthese im Haiku: „Eine schwebende Stadt // Linien / ein Blütenzweig // Klarheit.“

          Nicht immer operiert er so prägnant. Manches ist überbreit ausgeführt, nicht jede Abschweifung vermag zu fesseln. Wenig glücklich auch die Idee, die vierzig Sequenzen mehr oder minder possierlichen Figurinen zuzuschreiben. Manche stiften literarische Bezüge, andere sind bloß kalauerhaft aufgeputzt. Da gibt es den „Monsieur Papillon, Souffleur des Serapionstheaters“ oder „Tulp, Anatom an der Universität“, aber auch „Nello Gaspecha, Coiffeur, Salon Pudelwohl“ oder einen „Dr. Dentales, Zahnarzt“.

          Zeitvertreib oder Weltentwurf?

          Tellkamps Serapionstheater legt die Frage nahe, wie ernst die Figuren und Szenen zu nehmen sind und wie ernst das Ganze überhaupt. Lesen wir ein Divertimento à la E.T.A. Hoffmann oder einen romantischen Weltentwurf? Novalis jedenfalls erscheint in rapider Verkürzung. Wenn dieser einst als Programm formulierte, „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“, so befindet Tellkamp lapidar: „Wir reisen nach innen.“ Das meint eher den Komfort als die Anstrengung. Das Ziel, das „Innen“, ist offenbar nichts anderes als die Innenwelt der blauen Stadt. Die Suche nach dem „wirklichen Blau“ erscheint dabei als esoterisches Märchenmotiv, wenn nicht als Frage der Koloristik.

          Ob das als Idee trägt, mag auch dem Autor zweifelhaft erschienen sein. Er stellt sich gleich zu Anfang eine Warnung in den Weg, nämlich einen Zauberer, der ihm ein Schild vorweist: „Wenn du das wirkliche Blau suchst, wirst du bald in der Tinte sitzen.“ Das hat den Schreiber nicht geschreckt. Seine Tinte fließt und mit ihr die Einfälle. Eben sie ist das „wirkliche Blau“, das Substitut der Blauen Blume. So konnte ihn auch jenes Verdikt nicht abhalten, das Walter Benjamin einst formulierte: „Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben.“

          Postmodernes Spiel mit der Tradition

          Nein, Uwe Tellkamp hat nicht verschlafen. Er ist hellwach und weiß, dass man den Ofterdingen nicht noch einmal erfinden kann. Aber das postmoderne Spiel mit der Tradition ist möglich. Tellkamp gibt den Post-Romantiker. Er betreibt, was Lévi-Strauss als bricolage, als Bastelei, beschrieben hat. Er versorgt sein Projekt mit den Überbleibseln aus früheren Konstruktionen oder Destruktionen. So formuliert er im Blick auf Venedig: „Alles Collage, von Brücken geklammert zu seltsamen Itineraren.“ In Prag stößt er auf das Marionettentheater von Spejbl und Hurvinek und nennt es ein „Capriccio mechanico-philosophico“. Dessen Devise „Es lebe der Schabernack“ lässt sich auf das eigene Unternehmen übertragen.

          Tellkamp versteht es, den gebildeten Leser, den er im Blick hat, bei Laune zu halten. Er schüttelt die Einfälle aus dem Ärmel und setzt voraus, dass uns auch die weniger gelungenen gefallen. So folgen wir seinem Satz: „In meiner Tasche habe ich den Spatz, / der den Schatten einer Taube wirft.“ Man muss diese Formulierung schon ziemlich goutieren. Da scheint der Zauberer zu untertreiben, aber bei Licht besehen, ist das wenige, das er uns verspricht, ein wahres Teufels-, ein rechtes Gustostück. Denn welcher Spatz wirft schon den Schatten einer Taube?

          Weitere Themen

          Er hatte Sehnsucht

          André Hellers Comeback-Album : Er hatte Sehnsucht

          Wer vergessen hatte, dass André Heller auch Sänger und Musiker ist, wird nun eindrucksvoll daran erinnert: „Spätes Leuchten“ ist ein großes Comeback-Album aus Melancholie und Überschwang.

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Europa League im Liveticker : 2:1 – Frankfurt dreht das Spiel

          Guimarães geht gegen die Eintracht mit einem umstrittenen Tor in Führung, dann aber profitieren die Frankfurter erst von einem Patzer, ehe sie ein zweites Mal treffen. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.
          Das nächste „große Ding“? Auch IBM forscht im Bundesstaat New York an Quantencomputern.

          Bahnbrechende Technologie : Im Quantenfieber

          Unternehmen treiben die Quantentechnologie voran – nicht nur mit Computern, die Unglaubliches leisten. Thales aus Frankreich will Vorreiter sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.