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Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn : Eine hohe Schule des Sehens

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Uwe Tellkamps neues Buch spielt wie „Der Turm“ in Dresden. Dem Flaneur wird die Stadt dabei zum Medium der Erinnerung - auch an die eigene Kindheit.

          Geht man im Winter durch Dresden, wird man nicht immer bester Dinge sein: Die Straßen sind breit, die Wege lang und die Abstände zwischen den Häusern meist so groß, so dass Wind und Kälte wie in der Landschaft zu spüren sind. Für Uwe Tellkamp, der 1968 in Dresden geboren wurde, hier aufwuchs und nach Studien- und Berufsjahren in Leipzig, New York und München 2004 in seine Heimatstadt zurückkehrte, ist die Weite kein Problem. Er liebt die Stadt als Spaziergänger gerade im Winter. „Das Dresden meines Temperaturgedächtnisses“, so lautet der erste Satz des neuen Buches, „ist eine Winterstadt voller Fernwärmerohre und Heizungen, von deren Rippen die Farbe abgeplatzt war.“

          Dass der Autor der „Dresdner Erkundungen“ trotz aller Begeisterung für seine Stadt keine touristischen Zwecke verfolgt, wird beim Weiterlesen schnell deutlich. Erinnerung ist das Verfahren, mit dem sich Tellkamp die städtischen Orte aneignet, auch wenn topographische Hinweise vielfach den Ausgangspunkt bilden: „Für den Jungen, der ich war, gab es kaum einen anziehenderen Ort als den Dachboden der Oskar-Pletzsch-Straße 11, Weißer Hirsch, das zweite Haus, nach einem Johannstädter Plattenbau, das auf mich den Eindruck einer Persönlichkeit machte. Wenn die Winde schnauften und das Schneegestöber weiße Mauern um den Elbhang wachsen ließ, knarrten die Dachbalken, als gehörten sie zur ,Hispaniola', dem Schatzinselsegler“.

          Fragmentierte Erinnerungen

          Tellkamp schlägt in diesem zweiten Absatz eine Brücke zu seinem 2008 erschienenen Erfolgsroman „Der Turm“, in dem er das Leben des Dresdner Bildungsbürgertums über den Elbhängen in den letzten Jahren der DDR beschreibt. Während die Hauptfigur zu Beginn des Romans mit der Standseilbahn zum Haus der Eltern hinauffährt und sich damit von der Stadt entfernt, nimmt Tellkamp nun die nahe gelegene Schwebebahn zum Titel. Auch dies ist mit Bedacht gewählt. Denn der Aussichtspunkt, zu dem die Bahn führt, ist der Stadt zugewandt und hat mit den Lebensbedingungen des „Turm“ nur wenig zu tun. So ist Tellkamps neues Buch keine Fortsetzung des vorausgehenden, sondern bietet einen neuen Blick auf die räumlichen Konstellationen seiner Lebensgeschichte.

          Erzähltechnisch knüpft der Autor an seinen zweiten Roman „Der Schlaf aus den Uhren“ an. Von ihm ist nur jener Auszug veröffentlicht, für den er 2004 den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen hat. Auch hier gibt es keine episch konstituierte Handlung, wie in den anderen Romanen, dem Erstlingswerk „Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café“ (2000) sowie dem „Eisvogel“ (2005). Vergegenwärtigt werden vielmehr fragmentierte Erinnerungen, die der Ich-Erzähler mit Häusern, Plätzen oder Inschriften bei einer Straßenbahnfahrt durch Dresden verbindet (abgedruckt in „Die Besten - Klagenfurter Texte 2004“).

          Interesse am Abfall der Kultur

          Dennoch ist die „Schwebebahn“ keine Wiederaufnahme des unveröffentlichten Romans. Zwar tauchen schon im Klagenfurter Text Ortsteile, Ereignisse und Produktnamen auf, denen man auch in der „Schwebebahn“ begegnet, doch geht es hier ruhiger zu, da der Erzähler in erster Linie als Spaziergänger unterwegs ist und sich für Orte und Erinnerungen Zeit nimmt. Beschreibungen, die dem ortsunkundigen Leser Orientierung bieten, liefert das Buch allerdings selten, denn der Autor interessiert sich vor allem für solche Phänomene, denen kein anderer Beachtung schenkte oder die es nicht mehr gibt, weil sie nach der Wende von 1989 verschwunden sind: Häuser wie das Lazarett der Roten Armee, Industrieprodukte wie die Schuhcreme „Eg-Gü“ oder das Artikulations- und Bewegungsspiel „Frau Ludwigs Trabant“, das der Vater zur Freude des Sohnes vorführt.

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