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Uwe Tellkamp: Der Turm : Die Zeit ist des Teufels

Uwe Tellkamps Monumentalepos „Der Turm” (Suhrkamp) Bild:

Uwe Tellkamp erzählt in dem monumentalen Roman „Der Turm“ vom Untergang der DDR. Hoch über Dresden erhielt sich unter prekären Umständen eine Welt, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben dürfen: das Bildungsbürgertum.

          Dieses Buch will alles. Dabei wollen seine Protagonisten nur eines: frei leben. Doch nichts ist schwieriger in einem Land, das sich selbst als demokratische Republik tituliert, aber seine Bürger ausspioniert, gängelt, in Raster zwängt. Da ist der Chirurg Richard Hoffmann, dessen Liebschaft samt außerehelichem Kind ihn erpressbar für die Stasi macht. Da ist dessen Schwager Meno Rohde, der als Lektor in einem Bibliophilen-Verlag glaubt, seine Nische gefunden zu haben, und doch immer wieder die unberechenbaren Winkelzüge der Zensur zu exekutieren hat. Und da ist der Sohn des Arztes, Christian Hoffmann, der auf einen Medizin-Studienplatz hofft, sich dafür aber freiwillig zur Armee verpflichten muss, wo er beinahe gebrochen wird. Alle aber werden sie befreit: durch den 9. November 1989, den Tag, an dem die Mauer fiel.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damit ist bereits alles gesagt über die Handlung von Uwe Tellkamps neuem Roman „Der Turm“, aber noch nichts über das Buch. Es hat fast tausend Seiten, Hunderte von Figuren, Dutzende von dramatischen Wendungen, und keine davon ist zuviel. Weil dieses Buch einen Countdown dokumentiert: die letzten sieben Jahre der DDR. Am 4. Dezember 1982 setzt die Handlung in Dresden ein. Fortwährend ticken von nun an Uhren, schlagen die Stunden, zählen die Sekunden herunter, die es noch auszuhalten gibt bis zu jenem Moment, wo die Zeit aussetzt, weil eine neue beginnt. „Die Zeit ist des Teufels“, stellt der Dichter Eduard Eschschloraque, ein überzeugter Sozialist, doch scharfzüngiger Kommentator, fest, „denn sie ist das Instrument der Veränderung . . . Der Leim, an dem wir kleben . . . Deshalb leben wir in einem gottgewollten Staat, denn wir haben es unternommen, die Zeit abzuschaffen.“

          Dieses Buch ist durch und durch Musik

          In dem Moment aber, wo das gelingt, bricht dieser Staat in sich zusammen; doch das müssen wir uns als Leser selbst vorstellen, denn diesen Triumph gönnt Tellkamp seinen Figuren nicht mehr. Sie sind am Ende frei, wie sie es wollten, doch nun werden sie mehr wollen. Davon will Tellkamp später erzählen, in einem Folgeroman mit demselben Personal, der im Leipzig der Nachwendejahre seinen Mittelpunkt finden wird. Die Handlung von „Der Turm“ aber mündet in die Ergänzung eines Satzfragments, das die letzten Kapitel als retardierendes Element durchdrungen hat: „. . . aber dann auf einmal . . .“. Nun heißt es am Ende weiter: „schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ‚Deutschland einig Vaterland‘, schlugen ans Brandenburger Tor:“ – und in diesem Doppelpunkt, der das Buch beschließt, liegt auch die Aufforderung an den Leser, nunmehr selbst weiterzuerzählen, denn wir kennen ja das Ende der Geschichte. Wir wussten nur nicht, wie sie begonnen hat.

          Uwe Tellkamp

          In „Der Turm“ beginnt sie mit einer Ouvertüre, einem Anfang, der wie das Vorspiel in Wagners „Rheingold“ aus dem Nichts emporsteigt, lauter wird, ins Ohr der Lesers brandet; denn dies ist ein synästhetischer Roman, der alle Sinne fordert, der einen das Sehen und Hören lehrt und gleichzeitig Hören und Sehen vergehen lässt in der Dichte seiner Beschreibungen, die uns erzählen, wie ein Sommer in Dresden riecht, wie eine Semmel dort schmeckt, wie sich die Liebe anfühlt. Es ist ein alchemistischer Roman, der aus zahllosen Ingredienzien neue Materie schafft – und ein musikalischer: Denn nicht nur hat er vor den beiden Hauptbüchern die Ouvertüre, zwischen ihnen ein Interludium und zum Abschluss ein Finale, sondern dieses Buch ist durch und durch Musik.

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