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Uwe Tellkamp: Der Turm : Das geheime Land

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Uwe Tellkamps erstaunliches Epos „Der Turm“ ist eine Geschichte über den Untergang der DDR und Menschen, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben sollen: Bildungsbürger haben sich im gesellschaftlichen Abseits zur dornröschenhaften „Turmgemeinschaft“ zusammengefunden.

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          Beinahe hätte man aufgegeben, war schon wieder kurz davor, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen nach den ersten fünfzig Seiten von Uwe Tellkamps neuem Roman „Der Turm“, der so mäandernd und so pathetisch beginnt, dass man gar nicht anders kann, als sich an den „Eisvogel“ erinnert zu fühlen, Tellkamps ersten Roman, mit dem der ehemalige NVA-Panzerfahrer, Arzt und Schriftsteller nach seinem Auftritt beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt vor vier Jahren bekannt wurde. „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt“, hatte Iris Radisch in Klagenfurt ausgerufen.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und man verstand es nicht. Weder vor dem Fernsehbildschirm der Wettbewerbsübertragung. Noch, später, bei der Lektüre des „Eisvogels“. Denn Tellkamps Debüt, das ein Gesellschaftsroman hätte sein können, ließ, erzähltechnisch, jede Distanz vermissen. Es hielt keinen Abstand zu seinen Figuren. Und da diese Figuren zwei ressentimentbeladene junge Schnösel waren, die, demokratieverachtend, deutschtümelnd und elitär, gegen die eigene Zeit, das Land und die abgehalfterte Linke wetterten, atmete der Roman unwillkürlich selbst den Geist der Reaktion, den der Autor mit so viel Naturpathos unterlegte, dass er den Stereotypien seiner Figuren selbst anheimfiel.

          Dann kommt die Überraschung

          Wer die Ironie Flauberts liebte, konnte den „Eisvogel“ unmöglich mögen.Und jetzt, denkt man, geht das schon wieder so pathetisch los: „In der Nacht, die rostigen, die vom Mehltau des Schlafs befallenen, die von Säuren zerfressenen, die bewachten, die brombeerumrankten, die im Grünspan gefangenen, festgeschmiedet der Preußische Adler, die Schlag Mitternacht ihre Lauschtiere freilassenden, die hundertäugigen Periskope reckenden, Okulare scharfstellenden, bannertragenden, die von Schornsteinen geschwefelten, Musiklinien vortäuschenden, mit Bitumen bewalzten, von Tropfnässe Sicknässe Schwitznässe faulenden, die durch schimmernde Akten kriechenden, mit Stacheldraht betressten, mit Zifferblättern verbleiten Brücken . . .“ -Das ist nur ein Halbsatz auf Seite neun des neuen Romans. 967 Seiten hat man zu diesem Zeitpunkt noch vor sich, kann nach diesem halben Satz, der noch einmal so lang weitergeht, aber eigentlich schon nicht mehr.

          Uwe Tellkamp
          Uwe Tellkamp : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Das Überbordende der obsessiv verwendeten Adjektivpartizipien macht einen fertig. Man will nicht hinein in Tellkamps „Turm“, macht Pause, regt sich wieder ab - und liest nur deshalb weiter, weil es sich bei diesem langen Satz aus der „Ouvertüre“ des Romans um zitierte Rede handelt: um einen kursiv gesetzten Auszug aus den Aufzeichnungen eines der Protagonisten Tellkamps, des vierzigjährigen Meno Rohde, der, wie man später erfährt, einen Monat nach Breschnews Tod, also im Winter 1982, in Dresden als Lektor eines Verlags arbeitet. Ausgestellte, zitierte Rede: das war eins der erzähltechnischen Distanzsignale, die man im „Eisvogel“ vermisst hatte. Also gibt man dem „Turm“ eine Chance. Warum auch nicht? Dann kommt die Überraschung: Aus dem völlig überladenen Anfang schält sich allmählich der eigentliche Roman heraus. Gegen alle Widerstände gerät man in den Sog einer anderen Zeit, folgt gebannt den wie abgelauscht wirkenden Gesellschaftsdialogen, die an manchen Stellen sogar komisch sind, was man von Tellkamp bisher nicht gerade kannte. Es ist, wie wenn der Autor sich den Weg der eigenen Erzählung durch das Gestrüpp der zu oft beschriebenen Dresdner Rosen- und Brombeerbüsche erst einmal habe bahnen müssen, um selbst hineinzukommen in sein Epos.

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