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Uwe Johnson: Ich wollte keine Frage ausgelassen haben : Von der Lockerung der Wangenmuskeln

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Bild: Verlag

Nachrichten aus der Frontstadt Berlin: Die nun lesbar gemachten Gespräche Uwe Johnsons mit Flüchtlingen aus der DDR sind ein bemerkenswertes Werk aus den Fernen der Erinnerung.

          Ich möchte eben keine Frage ausgelassen haben“, erläutert Uwe Johnson. Es ist Anfang 1963, im Dachgeschoss einer Wohnung irgendwo im Westen Berlins, das zu dieser Zeit eine hektisch gespannte, politisch geteilte Stadt ist. Dort versucht er mit Fragen einzufangen, was für ihn selbst zu Unsicherheit und Verwirrung geworden ist.

          Mit seinem ersten Roman, den „Mutmaßungen über Jakob“, war Johnson gerade erst aus der relativen Ruhe und Ordnung seines mecklenburgischen Landdaseins in die Turbulenz der deutschen Metropole Berlin umgesiedelt – selbst Flüchtling, ob er es nun so nennen wollte oder nicht. Und dort nun suchte er etwas von der Ruhe und Ordnung wiederzufinden, die er eben erst freiwillig aufgegeben hatte. Aber was diese beiden Begriffe konkret bedeuten konnten zwei Jahre nach der Errichtung der Mauer in der geteilten und von Hitlers Krieg weithin zerstörten ehemaligen Hauptstadt des gleichfalls geteilten Landes, wandelte sich von Ort zu Ort und Mensch zu Mensch. Nun war auch er erfasst von dem Bedürfnis, Sinn zu finden in der Geschichte und Entscheidungen zu treffen, wo ihm vielleicht ruhiges Verstehen genügt hätte.

          Das Aroma der Großstadt

          Uwe Johnson starb 1984. Was jetzt, sechsundzwanzig Jahre nach seinem Tod, als Dokumentation über und von ihm erscheint, liegt allerdings noch weiter, um fast fünfzig Jahre, zurück. Es sind Geschichten aus dem Berlin der sechziger Jahre, die er von zwei Gesprächspartnern erfragt – alles ist inzwischen längst Vergangenheit. Dieter Thieme, einer dieser Partner, ist vor wenigen Wochen einundachtzigjährig gestorben, der andere, gleichaltrige Detlef Girrmann hatte sich kurz vorher und gerade noch rechtzeitig mit Thieme, dem Freund von einst, zusammengetan und gemeinsam bemüht, das Protokoll der fast ein halbes Jahrhundert alten und erst vor kurzem wiedergefundenen Gespräche mit Uwe Johnson lesbar zu machen und als ein Stück Vergangenheit vorzuführen und zu edieren.

          Letzteres bedeutete, das einstmals Aufgezeichnete für die Jüngeren, die Kinder und Kindeskinder lesbar und verstehbar zu machen, denn sie sind die eigentlichen Adressaten dieser Dokumente. Vielleicht ist es allerdings für sie dennoch nur halbwegs verstehbar, denn was an Benzin- und Tabaksgeruch, an Großstadtaroma, Angst, Terror, Sehnsüchten und einer ungezügelten Lebenslust trotz alledem aus diesen Gesprächen immer noch aufsteigt, wird wahrscheinlich nur von denen deutlicher wahrnehmbar sein, die mit Frager und Befragten ein Stück Leben geteilt haben. Es riecht heute beträchtlich anders in Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, als vor fünfzig oder sechzig Jahren.

          Resultat produktiver Einbildungskraft

          Eine weitere Einschränkung ist zu machen: Geschichte und Literatur ergänzen einander wohl, aber unterscheiden sich auch fundamental in dem, was sie mitteilen wollen und können. Geschichte ereignet sich um und mit uns. Literatur ist das Resultat produktiver Einbildungskraft, ist Erzählung von Einzelnen aus ihrer besonderen Perspektive. Davon enthält dieses Buch aus den Fernen der Erinnerung allerdings Bemerkenswertes.

          In langen, ausführlichen Gesprächen – zumeist sehr aufmerksamen, oft leidenschaftlichen, aber immer disziplinierten, ja verhaltenen Befragungen – versucht Johnson auf fast zweihundert Seiten, von seinen zwei Zeugen in großem Detail etwas von jener Wirklichkeit zu erfahren, die ihm selbst erspart geblieben ist: von deren Existenz im sogenannten „realen“ Sozialismus des DDR-Regimes und von den Schwierigkeiten, ein verantwortungsvolles Leben in diesen Bedingungen zu führen. Erst ein Prosatext von ihm, eine Erzählung, die sich die Freiheiten der Poesie erlaubt, ohne die Verpflichtung zu historischer Genauigkeit aufzugeben, gibt ihm dann die Gelegenheit, zu sich selbst zu kommen. Ein spätes Werk Johnsons wird uns auf diese Weise und in dieser Form geschenkt.

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