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Ursula Krechels „Landgericht“ : In der Sache Kornitzer

Vor dem Ort des Geschehens ihres Romans: Ursula Krechel im September am Mainzer Landgerichtsgebäude Bild: Frank Röth

Das literarische Ereignis dieses Herbstes spielt im Landgericht von Mainz. Ursula Krechel erzählt die Geschichte eines jüdischen Exilanten, der nach 1945 wieder Richter sein will.

          4 Min.

          Die Wahrheit ist, dass ihm auf Erden zu helfen gewesen wäre. Denn Richard Kornitzer, geboren 1903 in Breslau, promovierter Jurist, als Jude 1933 aus dem Justizdienst in Berlin entlassen, 1939 nach Kuba geflohen und 1948 zurückgekehrt, hätte in Deutschland nur mit offenen Armen empfangen werden müssen. Aber was heißt „nur“?

          Andreas Platthaus
          (apl), Feuilleton

          Richard Kornitzer will sein Recht. Das ist wenig genug. Ihm ist im Gegensatz zu Millionen anderen zwar kein Anverwandter ermordet worden, doch seine Familie ist nach dem Krieg zerstört. Verheiratet ist er seit 1931 mit Claire, geborene Pahl, einer für die Epoche sehr selbständigen Frau, die ein Unternehmen für Kinoreklame führt. Claire ist Protestantin, aber das hat ihrem Mann nichts genutzt und den beiden Kindern des Paars auch nicht.

          Nach einer wahren Begebenheit

          Im Januar 1939 werden der sechsjährige Georg und die dreijährige Selma mit einem von Quäkern organisierten Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht, wenige Wochen darauf erhält Richard ein Visum für Kuba, aber für Claire gibt es keines. Also ist die Familie zerstreut: Den Krieg erlebt Richard in der fernen Karibik, Claire erst im bombardierten Berlin, dann im friedlicheren Lindau am Bodensee, und die Kinder verschlägt es in England von einer Gastfamilie zur nächsten. Niemand weiß irgendetwas von den anderen. Fast zehn Jahre vergehen, danach sind die Traumata nicht mehr zu kompensieren. Das Einzige, was Richard Kornitzer kompensiert sehen will, ist der erzwungene Abbruch seiner beruflichen Karriere. Man sollte meinen, das wäre leicht. Es ist nicht so.

          Anderes war leicht. „Als ich ein kleines Mädchen war“, sagt die 1947 in Trier geborene Schriftstellerin Ursula Krechel, „stand in jeder Wohnung das Foto eines Mannes in NS- oder Wehrmachtsuniform, mit schwarzem Trauerstreifen. Das war alles, was über den Krieg zu erfahren war.“

          Die Überlebenden hatten sich wieder eingerichtet, Berufswege wurden nahtlos fortgesetzt, Pensionen anstandslos gezahlt - sofern man nicht als Exilant aus der Fremde zurückkehrte wie Richard Kornitzer. Er war einer von vielen, nun ist er der Protagonist von Ursula Krechels neuem Roman „Landgericht“, dem eindrucksvollsten Buch dieses Herbstes. Kornitzer hat wirklich gelebt, er hieß anders, doch seinen Fall hat Ursula Krechel aus den Akten des Landesarchivs von Rheinland-Pfalz akribisch rekonstruiert. Akten aber sind unpersönlich, deshalb hat sie einen Roman geschrieben.

          Sie hat mehr als zehn Jahre dafür recherchiert und dann sechsundzwanzig Monate an den fast fünfhundert Seiten geschrieben - „ein Marathon“, wie Ursula Krechel sagt, „den ich mit einem Rückenwind, der aus Schanghai wehte, geschafft habe“. „Shanghai fern von wo“ hieß ihr Vorgängerroman; er erschien 2008 und erzählte von jüdischen Exilanten in der damals verschiedenen Mächten unterstellten chinesischen Stadt.

          Darin widmete sich Ursula Krechel auch schon den Erfahrungen von Geflohenen bei ihrer Rückkehr nach Deutschland, und in einem Fall fand sie in den Archiven ein Gutachten im Wiedergutmachungsverfahren, das so außergewöhnlich gut geschrieben war, dass sie sich für den Gutachter interessierte. Er war Landgerichtsdirektor in Mainz, doch dort konnte oder wollte man der Autorin nicht mit Auskünften zu dem 1970 verstorbenen Richter helfen. Das machte sie stutzig. Sie ging selbst auf die Suche.

          Auf der Suche nach Gerechtigkeit

          Heute heißt dieser Mann Richard Kornitzer, und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird der Roman, der von ihm erzählt, am kommenden Montag den Deutschen Buchpreis gewinnen. Es ist nicht so, dass Ursula Krechel dort keine harte Konkurrenz hätte - vor allem Clemens J. Setz mit „Indigo“ und Stephan Thome mit „Fliehkräfte“ -, aber was die in Berlin lebende Schriftstellerin bietet, ist mehr als brillante Literatur.

          Ihr Buch übt jene Gerechtigkeit, die seinem Protagonisten verwehrt blieb. Die Autorin verschreibt sich hier nicht nur einem individuellen, sondern einem Generationenschicksal - ein literarisches Großprojekt, das auch nach „Landgericht“ nicht abgeschlossen sein wird. Ursula Krechel hat das Thema ihres dritten Romans über die im Zweiten Weltkrieg Entwurzelten schon festgelegt: die Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland, konkret die von Westeuropäern geleistete.

          Exil, Arierparagraph, Zwangsarbeit - die reinen Phänomene sind bekannt. Über die Praxis aber und vor allem das, was nach 1945 aus ihr für die Opfer folgte, weiß man so gut wie nichts. Deshalb setzt „Landgericht“ nicht mit der Entlassung Richard Kornitzers im Jahr 1933 ein, sondern mit seiner Rückkehr 1948 nach Lindau, auf Antrag seiner Frau. Niemand sonst hat sich für den Exilierten interessiert, und im noch besetzten Deutschland wartet auch niemand außer seiner Frau auf ihn. Eine Wiedereinsetzung als Richter, vielleicht gar unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er ohne die rassenbedingte Entlassung mittlerweile in der Hierarchie aufgestiegen wäre? Kein Denken daran, denn es gibt keine offenen Stellen in der Justiz; da sitzen noch immer oder schon wieder diejenigen, die im Dritten Reich weiter treu gedient haben.

          Bild: Verlag

          Landgericht“ ist ein Roman, der über die späten vierziger und dann die fünfziger Jahre erzählt, über die mit juristischen Mitteln ausgetragenen, aber doch verzweifelten Versuche eines Mannes, wenigstens das Stück seines Leben, das der Richterberuf ausmacht, zurückzubekommen. Kornitzer versteht sein Amt emphatisch: er will nicht nur Recht sprechen, sondern Gerechtigkeit schaffen. Kurz nach Begründung der Bundesrepublik beruft man ihn ans Landgericht in Mainz, und wie er sich dort an dem ihm fremdem Ort einleben und arrangieren muss, ist eine neue Exilerfahrung, diesmal in der Heimat.

          Gefunden, aber für immer verloren

          Die spröde Sprache des Romans, Krechels überkorrekte Prosa, die Inversionen und Manierismen nicht scheut, evoziert das formal festgelegte juristische Denken, das Richard Kornitzer als Richter in Leib und Blut übergegangen ist und ihn weiterleben lässt. Es ist kein Roman, der in der ersten Person erzählt wäre, aber einer, der ganz nahe an der Person bleibt, kein innerer Monolog, aber eine Beobachtung des Innenlebens. Es ist ein Buch, das seine Form zur Anklage nutzt: Das ganze Land steht vor Gericht in „Landgericht“.

          Erzählt wird aber auch noch über die dreißiger Jahre in Berlin und vor allem über Kuba in den Vierzigern. Da herrscht ein anderer Stil, es wird freier, Ursula Krechel gestattet sich und ihrem Helden Erzählschwung, während sonst streng gezirkelt geschrieben wird. Auch da, wo das Drama der Familie aufscheint: Die Kinder werden von den Kornitzers in England gefunden, aber nicht mehr zurückgewonnen.

          Ein kleines Schicksal im unendlichen Leid. Geschildert in einem großen Buch, gescheitert an einem großen Unrecht. Immer wieder werden andere Richard Kornitzer vorgezogen, immer mehr verrennt er sich in sein Unglück.

          Dieser Mann wird nicht sympathisch. „Landgericht“ ist ein abgründiges Buch, aus dem es kein Entkommen gibt. „Kornitzer, der so gerne Richter war, betritt das Landgericht nicht mehr. Das ist auch nicht nötig, niemand erwartet ihn. (Niemand will ihn sehen.)“ Die Klammer sagt alles: Man hat Kornitzer ausgeklammert. Und mit ihm viele andere. Aber dieser eine ist nun - um in seiner Sprache zu bleiben - rehabilitiert.

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