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„Überwintern“ von Urs Zürcher : Zerstörung der gesamten Ordnung

  • -Aktualisiert am

Gutmenschentum in Erfurt? Nichts für die Helden aus Zürchers Roman Bild: Picture-Alliance

Von der Schweiz nach Ostdeutschland: Urs Zürchers eindringlicher Roman „Überwintern“ verfolgt die Radikalisierung zweier junger Männer.

          4 Min.

          Ein Gespenst geht um in Basel. Der Gestalt, die der Badische Bahnhof an einem betriebsamen Frühsommertag 2018 ausspuckt, möchte man nicht zu nahe kommen. Der Bart verfilzt, ein Wintermantel aus stinkendem Yakfell, die rechte Hand von einer Granate abgerissen, im Kopf eine Dauerschleife wüster Kriegsbilder aus dem Donbass. Hier wankt nicht Borcherts Beckmann aus „Draußen vor der Tür“ durch die Fußgängerzone, sondern ein heimkehrender Söldner unserer Tage. Ein Versehrter mit posttraumatischer Belastungsstörung. Eine tickende Zeitbombe. Jonas würde, auf der Stelle, Leute erschießen, wenn er seine Kalaschnikow noch hätte: „Sie war mein ukrainisches Haustier. Es hat ein paar Menschen gefressen.“ Jonas ist auf dem schwersten Gang seines dreißigjährigen Lebens – unterwegs zur Mutter seines Freundes Benjamin, der den Kriegswinter in der Ukraine nicht überlebt hat.

          Mit ungemein starken Bildern zieht uns Urs Zürcher in einen Roman, der erforschen will, was zwei junge Männer aus unterschiedlichen Milieus der „Mitte der Gesellschaft“ in die äußerste Radikalität treibt. Der 1963 geborene Autor und Historiker nimmt damit Motive seines späten Debüts „Der Innerschweizer“ aus dem Jahr 2014 auf, in dem er mit den Mitteln von Satire und Groteske die zunehmende politische Radikalisierung in der Schweiz der achtziger Jahre untersucht und die Alpenrepublik in einen heißen Krieg hineinschreibt, in dem sowjetische Panzer Richtung Gotthard rollen und Bomben auf Basel fallen.

          Urs Zürcher: „Überwintern“.
          Urs Zürcher: „Überwintern“. : Bild: Bilgerverlag

          Über weite Strecken des aktuellen Romans setzt Zürcher nun aufs klassisch-realistische Erzählbesteck. In komplex verschachtelten Rückblenden über einen Zeitraum von dreißig Jahren skizziert er die schicksalhaft verwobenen Lebenswege von Benjamin und Jonas, die am selben Tag, am 19. August 1988, geboren und nach einer Schulhofprügelei, wenn nicht Freunde, doch so etwas wie „Zwillingsvertraute“ werden, der eine lang, der andere dick – eine kunstvoll gebaute Familienaufstellung, in der auch die Eltern, Geschwister, Partner und Freunde der Protagonisten lebendig gezeichnet werden. Den Müttern wendet sich Zürcher dabei mit besonderem Einfühlungsvermögen zu; seiner eigenen hat er den Roman gewidmet.

          Ekel und Langeweile

          Benjamin verliert im Alter von zwei Jahren seinen Vater, einen kultivierten Pharma-Manager, der „Schönberg von Berg“ unterscheiden kann und für ihn eine „Romanfigur“ bleiben wird. Die serbischen Wurzeln der Mutter Ella sind ein Angebot auf der Suche nach einem Gefühl von Heimat. Der Einser-Gymnasiast Benjamin empfindet sein Jurastudium als zunehmend sinnlos, Computer-Pornos und das Metal-Wummern von Bands wie Celtic Frost können die Leere nicht füllen. Aus Jonas’ Sicht ist Benjamin ein verwöhnter Schnösel, der einmal „die Beutezüge der Konzerne“ juristisch absichern wird. „Krieg ist wie Krebs“, das Warnwort des serbischen Onkels angesichts der Massaker auf dem Balkan verblasst. Für Benjamin, der seiner zunehmend als „System von Dummheit und Verrat“ empfundenen Realität zwischen Ekel und Langeweile entkommen möchte, werden die Schnösel-Sprüche seines Kommilitonen Baja, eines Mathe-Cracks, attraktiver: „Krieg ist die höchste Form der Poesie.“

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