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„Überwintern“ von Urs Zürcher : Zerstörung der gesamten Ordnung

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Für Jonas’ Eltern Georg und Klara – er altlinker Gewerkschaftsfunktionär, sie aus einem engen Theologenhaushalt ausgebrochen – ist die Geburt des Sohnes der untaugliche Versuch, die bereits kriselnde Beziehung zu retten. Auf der Suche nach Sinn und Orientierung wird Jonas das Spektrum der Gesellschaft vom extrem linken bis zum äußersten rechten Rand abwandern und dennoch nicht fündig werden. Jonas hasst seinen Vater; er und dessen Funktionärskollegen, die er sarkastisch „Rote Armee Fraktion“ nennt, sind für den Sohn längst Teil des „Schweinesystems“. Als Jonas den Unfalltod seines jüngeren Bruders verschuldet, kommt es zum endgültigen Bruch mit dem Vater. Jonas pumpt in diversen Fitness-Studios Zorn aus seinem Körper und entdeckt den expressionistischen Dichter Hans Leybold (1892 bis 1914) für sich, bald darauf „macht“ er „Kampfgedichte“ in dessen Manier.

Sein bislang reifstes Erzählwerk

Als Jonas der aus Ostdeutschland stammenden Lu ins thüringische Eisenach folgt – Geburtsstadt des Barden Walter Flex und 2011 der Ort, an dem die Flucht der NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt tödlich endete –, kommt es zu einem abermaligen Radikalisierungsschub: „Und wieder ekelte es ihn . . . vor Lichterketten und Händchenhalten und hilflosen Manifestationen. Niederbrennen, auslöschen, in die Luft sprengen . . . war die einzige Lösung. Die Zerstörung der gesamten Ordnung. Dann Ruhe und ein freies Feld.“

Dass Zürcher einen seiner Protagonisten in die ostdeutsche Provinz schickt, um ihn dort mit rechten Preppern Wehrübungen absolvieren, sogar eine Handgranate in die Eisenacher RosaLuxx-Filiale der autonomen Linken werfen zu lassen, mag plottechnisch Sinn ergeben. Allerdings verändert der Text hier deutlich seinen Ton in Richtung Überzeichnung, ja Kolportage: Jonas findet Anstellung bei einem Ex-DDR-Rocker in einem Automobilmuseum („Luther würde Wartburg fahren“); bei den rechten Kämpfern riecht es durchweg nach saurem Mutzbraten, man trinkt Köstritzer Bier, die Musik ist so folgerichtig von Karat, wie Frauen auf den Namen Sandy hören. Natürlich darf man über Nazis lachen. Doch verglichen mit der Subtilität, mit der Zürcher andernorts zu Werke geht, wirkt seine Annäherungen an das Phänomen rechter Gewalt und an den Osten Deutschlands reichlich unterkomplex.

„So lebte er hin“

Dennoch besteht kein Zweifel, dass der Autor mit „Überwintern“ sein bislang reifstes Erzählwerk vorgelegt hat. Die Protagonisten seiner vielstimmigen Milieu-Tiefenbohrung sind, bis in die Nebenfiguren, alles andere als Pappkameraden. Geschickt verwebt Zürcher immer wieder medial vermittelte Zeitgeschichte mit dem Alltag seiner Figuren: ein blutiger Faden des Terrors, vom Gladbecker Geiseldrama oder der Messerattacke auf Oskar Lafontaine bis zu 9/11, dem Amoklauf von Newton oder den Anschlag auf den Boston-Marathon. Mitzuerleben, wie der „Gedanke Ostukraine“, die irrwitzige Idee, Sinn und Sinnlosigkeit, Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Gewalt durch ein Kriegs-Stahlbad zu verschmelzen, sich immer fester in den Köpfen der beiden jungen Männer einnistet, schnürt einem den Hals zu.

Die letzten Schweizer Wochen von Ben und Jonas lässt Zürcher wie ein einziges „So lebte er hin“ aus Büchners „Lenz“-Novelle abschnurren: Manchmal erreicht die beiden da „ein östlicher Luftzug“, der ihnen die Ahnung ihrer künftigen Existenz vermittelt: „Jonas nannte es Poesie, Benjamin die Überschreitung.“ Ihre Mütter Ella und Klara erfahren bis zum Schluss nichts von den Plänen; sie würden, heißt es lapidar, „lediglich überwintern. Wie Tiere.“ Ein halbes Jahr später ist es vorbei. Der Lange wird den Dicken nicht zurückbringen. „Der Schnee in der Ukraine“, heißt es einmal, „besteht aus tausend Körnchen Kummer.“

Urs Zürcher: „Überwintern“. Roman. Bilgerverlag, Zürich 2020. 432 S., geb., 28,– €.

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