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: Unter Gurus und Gaststudenten

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Seit vielen Jahren hat Wolfram Fleischhauer eine große Fangemeinde, die seine historischen Thriller verschlingt. Ob es um Geheimgesellschaften des achtzehnten Jahrhunderts geht, um esoterische Zirkel der Weimarer Republik oder die Schrecken der gerade entdeckten HIV-Epidemie in den achtziger Jahren ...

          3 Min.

          Seit vielen Jahren hat Wolfram Fleischhauer eine große Fangemeinde, die seine historischen Thriller verschlingt. Ob es um Geheimgesellschaften des achtzehnten Jahrhunderts geht, um esoterische Zirkel der Weimarer Republik oder die Schrecken der gerade entdeckten HIV-Epidemie in den achtziger Jahren - stets hat es der 1961 geborene Autor verstanden, einen breiten Leserkreis für seine Romane zu interessieren, die symbolschwere Titel wie "Die Frau mit den Regenhänden" (1999) oder "Schule der Lügen" (2006) tragen. Im Internet haben sich in den vergangenen Jahren mehrere Lesezirkel zusammengefunden, die Fleischhauers Romane kapitelweise lesen und gemeinsam über den Fortgang der Handlung rätseln, freundlich unterstützt durch Kommentare des solcher Aufmerksamkeit zugänglichen Autors.

          Ob dieselben Leser nun aber auch Freude an Abhandlungen über die postmoderne Literaturtheorie haben und ob sie spitzfindigen Debatten über Kleists Erzählungen und Shakespeares Sonette bereitwillig folgen werden, ist noch nicht ausgemacht. Wolfram Fleischhauer hat seinen jüngsten Roman im kalifornischen Universitätsmilieu angesiedelt, und er hat ihm, wie er freimütig offenbart, autobiographische Züge verliehen. In den achtziger Jahren studierte der Autor selbst an der University of California in Irvine, wurde dann allerdings nicht Literaturwissenschaftler, sondern Konferenzdolmetscher.

          Matthias, der sympathische Held des neuen Romans, schlägt einen ähnlichen Weg ein. Im September 1987 bringt ein Stipendium den begabten Studenten auf den Campus der anspruchsvollen Hillcrest-Universität, die unschwer als fiktives Abbild des realen Irvine zu erkennen ist. Unter den vielen Kursangeboten reizt den jungen Deutschen vor allem das Studium am berühmten Inat, dem "Institut für neue Ästhetische Theorie", von dessen ambitionierten Arbeiten Matthias schon viel gehört hat. Die Mitarbeiter des Instituts schotten sich indes wie eine Geheimgesellschaft vom übrigen akademischen Leben ab und bleiben in der Verehrung des großen, jüngst verstorbenen Jacques de Vander lieber unter sich.

          Die übrigen Professoren betrachten das Treiben der Inat-Anhänger mit Skepsis und nehmen den aufgeweckten deutschen Gaststudenten gern unter ihre akademischen Fittiche. Dabei vermischen sich Fiktion und Realität; denn in der Figur der klugen und menschlichen Kleist-Forscherin Ruth Angerston, einer der sympathischsten Nebenfiguren des Buches, zeichnet Fleischhauer ein liebenswertes, leicht zu entschlüsselndes Porträt der Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, die bis heute in Irvine lebt.

          Matthias aber verliebt sich in die attraktive Studentin Janine, deren Freund David zu den Musterschülern des Inat gehört. Die sich entspinnende erotische Dreiecksgeschichte ist berechenbar; und wie in seinen vorangehenden Büchern versteht es Wolfram Fleischhauer auch hier, die wachsenden Leidenschaften in anschaulicher, mitunter drastischer Sprache zu schildern. Viel spannender als die sexuellen Verwicklungen sind indes die intellektuellen Verstrickungen, denn David und Janine wetteifern bald um das moralische Urteil ihres deutschen Freundes.

          Der akademische Streit, der schnell den gesamten Campus erfasst, gilt der Glaubwürdigkeit des verehrten Jacques de Vander und der Gültigkeit der von ihm verfochtenen Theorien. In ihrem Zentrum stehen die Thesen vom Tod des Autors und der grundsätzlichen moralischen Indifferenz aller sprachlichen Aussagen. Spätestens bei den ausführlichen literaturtheoretischen Passagen wird klar: Wolfram Fleischhauer hat seine immer dämonischer erscheinende Romanfigur Jacques de Vander nach dem realen Vorbild des 1984 verstorbenen Paul de Man gestaltet.

          Fleischhauer folgt mit der Konstruktion seines Romans den tatsächlichen Geschehnissen. Drei Jahre nach de Mans Tod wurde bekannt, dass der Gelehrte, der zum Superstar unter den amerikanischen Intellektuellen aufgestiegen war, in den vierziger Jahren in einer belgischen Zeitung antisemitische Artikel veröffentlicht hatte. Dieser Fund erschütterte nicht allein die Verehrung, die de Man entgegengebracht wurde, er führte auch zu der viel grundsätzlicheren, alten Frage nach der moralischen Verantwortung der Intellektuellen. War die Rede vom Tod des Autors womöglich ein subtiler Versuch de Mans, keine Verantwortung für seine frühe Nähe zum Nationalsozialismus übernehmen zu müssen?

          Es gehört zu den Vorzügen von Fleischhauers Roman, dass er diese Fragen stellt und dass er es keiner seiner Figuren leichtmacht, eine schnelle Antwort darauf zu finden. Dabei bewegt sich der Romancier geschmeidig auf verschiedenen Ebenen. Vordergründig schafft er Spannung durch den rätselhaften Tod Davids und den Brand des Archivs, in dem die Schriften de Vanders gesammelt werden. Ein ganz anderer Reiz entsteht durch ein raffiniertes intertextuelles Spiel, verweist der fiktive Name des großen Theoretikers doch auf den 2002 erschienenen Roman "Caliban" von John Banville, dessen Held ebenfalls dem realen Paul de Man nachgebildet ist und der den Namen Axel Vander trägt. Kein Zweifel: Wolfram Fleischhauer beherrscht die literarischen Techniken mit leichter Hand, über die er die Figuren seines Romans so ausführlich räsonieren lässt. Literaturwissenschaftler dürften ihre Freude an den gelehrten Verweisen haben. Es bleibt allerdings offen, ob gerade sie das recht reißerisch aufgemachte Buch überhaupt entdecken werden.

          SABINE DOERING

          Wolfram Fleischhauer: "Der gestohlene Abend". Roman. Piper Verlag, München und Zürich 2008. 364 S., geb., 19,90 [Euro].

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