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: Unseren Möbeln geht's gut

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Ich will nie wieder beim Lyrikjahrbuch mitmachen", so lautet Oswald Eggers Mantra für das Jahrbuch der Lyrik 2008. Er wiederholt es vierundzwanzigmal, in vierundzwanzig Versen. Die sture Selbstbeschwörung drückt das ganze Dilemma des Lyrikjahrbuchs aus: alle Jahre wieder das gleiche Zeremoniell, ...

          Ich will nie wieder beim Lyrikjahrbuch mitmachen", so lautet Oswald Eggers Mantra für das Jahrbuch der Lyrik 2008. Er wiederholt es vierundzwanzigmal, in vierundzwanzig Versen. Die sture Selbstbeschwörung drückt das ganze Dilemma des Lyrikjahrbuchs aus: alle Jahre wieder das gleiche Zeremoniell, seit der Erstpublikation 1979 alle Jahre wieder die Qual der Wahl, und alle Jahre wieder schicken die Autoren ihre Gedichte ein, um dabei zu sein. Aber diesmal ist es besonders gut gelungen. Eggers Mantra wehrt die bösen Geister des Einerlei ab.

          Hinzu kommt der ethnologische Blick der Herausgeber. Er erhellt und verfremdet, was allzu bekannt oder selbstverständlich sein könnte. Bei den Kapiteltiteln fängt es an: "Unseren Möbeln geht es gut" heißt der erste Abschnitt, "Ein Kilo Räusperware" der letzte. Zwei Nachbemerkungen der Herausgeber Ulf Stolterfoht und Christoph Buchwald treiben die Fremdheit weiter. Sie erläutern Auswahlprozeduren und -kriterien, diskutieren die eigene Rolle und setzen sich mit Kritik auseinander.

          Selbstbeobachtungen wie diese übertragen die lyrische Herangehensweise von Stolterfohts "holzrauch über heslach" (2007) auf das Jahrbuch: Stolterfohts archaischer Cantos lebt von der Wahrnehmung der materiellen Kultur, der quasianimistischen Riten in der sogenannten Zivilisation einer schwäbischen Arbeitersiedlung. Diese Konzentration auf das Elementare lenkt die Zusammensetzung der Beiträge für das Jahrbuch und reduziert es in wohltuender Weise aufs Wesentliche: die Lyrik.

          Und diese stammt von gut etablierten älteren, bereits etablierten jüngeren sowie älteren und jüngeren unbekannten Schriftstellern. Zu den bekannten Autoren der vor 1970 geborenen Lyrikergenerationen zählen Marcel Beyer, Heinz Czechowski, Ulrike Draesner, Adolf Endler, Ludwig Harig, Harald Hartung, Kerstin Hensel, Günter Kunert, Michael Lentz, Friederike Mayröcker, Herta Müller, Lutz Seiler und Joachim Sartorius. Zu den Überraschungen in dieser Gruppe zählen aufs Neue die Texte des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers Lutz Seiler. Sie finden sich in dem Anthologie-Kapitel "nebelschwaden überm dinkelacker". Seilers Sprecher wandeln durch Orte, Häuser, Rohre. "Rauscht das wasser in den rohren / steht das haus / vom hören still" klingt nach Rilkes Sonetten an Orpheus, lakonisch neu geschrieben, angeleitet durch die Wahrnehmung des alltäglichen Verfalls.

          Jüngere bekannte Autoren wie Björn Kuhligk und Jan Wagner haben gerade eine zweite Auflage ihrer erfolgreichen Anthologie "Lyrik von Jetzt" (2003) herausgegeben. Im Jahrbuch sind sie mit Gedichten über den frühverstorbenen Schriftsteller Baader Holst und Zahara de los Atunes, das Zentrum des spanischen Thunfischfanges (Kuhligk) sowie sinnlichen und optimistischen Texten über Holunder und den Westen vertreten (Wagner). Uljana Wolf hingegen stimmt mit "Vom Vermeiden von Gedichten" in den Reigen der skeptischen Lyrik-Beobachter ein.

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