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Roman von Marie Darrieussecq : Rettet die Psychoanalyse uns vor der Robotisierung?

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Wer ist hier echt und wer ist der Klon? Herstellung einer Augenprothese aus Glas. Bild: Picture-Alliance

Die Empfindsamkeit des Ersatzteillagers: Marie Darrieussecqs dystopischer Roman „Unser Leben in den Wäldern“ lässt eine Therapeutin gegen den totalitären Staat antreten.

          4 Min.

          Marie Darrieussecq mag Wechselbäder: Nach den Schwärmereien und Enttäuschungen eines Hollywoodsternchens („Man muss die Männer sehr lieben“) schildert sie in „Unser Leben in den Wäldern“ einen Überwachungsstaat und die rustikale Existenz derer, die ihn fliehen. Der neue Roman, der sich auch qualitativ vom schwachen Vorgänger abhebt, entwirft eine Dystopie: Die Heldin Marie, Therapeutin mit Trauma- und Sexologie-Spezialisierung, lebt in einer Welt von Klonen, Online-Überwachung per Implantat, ruhigstellenden Drogen, Umweltverschmutzung und Organraub. Eines Tages geht sie offline und in den Wald, wo Gleichgesinnte lesen und von einer alternativen Gesellschaft träumen. Erzählt wird im Rückblick: „Ich schreibe, um zu verstehen und um Zeugnis abzulegen, in ein Heft selbstverständlich, mit einem Holzbleistift mit Grafitmine, das gibt es noch: nichts, womit man online gehen könnte.“

          So weit, so wohlbekannt, den Genreklassikern „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley (1932) und „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury (1953) fügt Marie Darrieussecq auf den ersten Blick wenig Neues hinzu. Bei näherem Hinsehen finden sich jedoch zwei Wendungen, die „Unser Leben in den Wäldern“ zu einer interessanten Variation der Dystopie werden lassen. Die erste ist die Akzentsetzung: So wichtig der Entwurf einer abschreckenden Zukunft ist, Darrieussecq zielt mehr noch auf das Wie der Enthüllung ab. Nach und nach erfährt die Heldin die Wahrheit über sich und die Gesellschaft; wie in einem Krimi erzeugt die Autorin eine düstere Atmosphäre und erzählerische Spannung.

          Der depressive Klicker wünscht sich nur eines

          Anfangs führt Marie ein erfolgreiches Leben als Therapeutin. In einer von Attentaten und Entführungen geprägten Zeit hilft sie Zeugen und Überlebenden, wieder in eine normale Existenz zu finden – wobei Normalität eine fensterlose Einraumwohnung, ein geklontes Haustier, konstanten Arbeitsdruck für Hungerlohn sowie die völlige Abwesenheit von Natur oder Erholung meint. Gelegentlich besucht Marie ihren Klon, der in seinem Bett schläft und darauf wartet, als Ersatzteillager genutzt zu werden; sie entwickelt eine enge Beziehung zu ihm.

          Zwei Patienten stören die Routine. Da wäre die Überlebende eines Flugzeugattentats, bei dem Mann und Kinder gestorben sind; ihr Selbstmord erschüttert die Therapeutin. Wichtiger noch ist „Patient Zero“, dessen Arbeit im Herstellen von Assoziationsketten besteht, die Robotern beibringen sollen, menschlich zu denken und empfinden: „Blau = Himmel = Melancholie = Musik = Prellung = blaues Blut = Adel = Enthauptung.“ Die „Klicken“ genannte Arbeit wird fünfzehn Stunden täglich ausgeübt, für zwei Dollar die Stunde und mit dem Ziel, menschliche Arbeitskräfte endgültig zu ersetzen. Der depressive Klicker wünscht sich nur eines: „dass nichts passiert“; die Sitzung besteht in Schweigen, Therapeutin und Patient kommen sich vorsichtig näher. Mitunter unterhalten sie sich, immer bemüht, die Roboterüberwachung auszutricksen. Patient Zero hilft Marie bei ihrer Bewusstwerdung – bis er spurlos verschwindet.

          Glasauge, fällt Ihnen da nicht irgendetwas ein?

          Eine Entdeckung bringt Maries Leben vollends durcheinander: Ein Auge wird schwächer, sie wird das ihres Klons benötigen. Allerdings bemerkt sie nach der Operation, dass dem gar keins fehlt, und begreift, dass sie selbst das Ersatzteillager ist. Der Klicker meldet sich und warnt sie: Sie entfernt die Implantate und flieht zu ihm in den Wald. Das Ende des Romans beschäftigt sich mit der Rebellengemeinschaft: Entscheidend sind weder die Überlebensstrategien noch die Klon-Befreiungen, sondern die Auflösung der Rätsel dieser menschenkonsumierenden Romanwelt. Der von Kritikern gemachte Vorwurf, der Roman gehe assoziativ vor, trifft nicht: Er ist im Gegenteil genau konstruiert.

          Die zweite Innovation besteht in einer Abrechnung. Die Autorin warnt nicht nur genretypisch vor den Gefahren aktueller technischer und sozialer Entwicklungen, indem sie diese in die Zukunft fortschreibt – sie rechnet vor allem mit einer bestimmten Psychologie ab. Darrieussecq hat bis 2017 (dem Erscheinungsjahr des Originals) als Psychoanalytikerin gearbeitet; das schlägt sich vielfach nieder. Es finden sich typische Referenzen, etwa Kopernikus als Beispiel einer narzisstischen Kränkung oder das Motiv des gestohlenen beziehungsweise ersetzten Auges. Die Interpretation von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, die Freud in „Das Unheimliche“ vornimmt, wird spitzbübisch ins Spiel gebracht: „Hhhhmmmmm. Glasauge, fällt Ihnen da nicht irgendetwas ein?“

          Aus dem Französischen von Frank Heribert. Secession Verlag. Zürich 2019. 110 S., geb., 18,- Euro.
          Aus dem Französischen von Frank Heribert. Secession Verlag. Zürich 2019. 110 S., geb., 18,- Euro. : Bild: Verlag

          Darüber hinaus wird die Psychoanalyse verteidigt. Das geschieht durch eine Kritik an Maries Therapiearbeit: „So wie ich ausgebildet wurde, dient mein Beruf dazu, den Menschen ihre erlebten Traumata ‚möglich‘ zu machen.“ Dazu zieht sie besonders die neurophysiologische EMDR-Methode heran, um das „Gehirn umzuprogrammieren“; die Verzweiflung wird erträglich gemacht. Ziel ist nicht Aufarbeitung, sondern das rasche und reibungslose Funktionieren: EMDR, Biographiearbeit et al. lassen sich leicht in den Dienst des Überwachungsstaates nehmen. Sie und ihre Phrasen – „Die Vergangenheit ist vergangen, wir müssen in der absoluten Gegenwart leben. Erkennen Sie, wer Sie sind! Konzentrieren Sie sich auf Ihre Lebenslinie!“ – sind Teil einer totalitären Manipulation, die willige Untertanen, Arbeitskräfte und Organlieferanten produziert. Zwischen den Zeilen wird die heutige Persönlichkeitsoptimierung karikiert. Darrieussecq setzt dem ihr Vertrauen in Reden und Schweigen sowie eine am Unbewussten orientierte Trauma-Arbeit entgegen.

          Man muss ihr darin nicht folgen, aber Darrieussecqs Text verdankt Theorie und Praxis der Psychoanalyse überzeugende Szenen und Motive. Das Spiel mit Assoziationsketten etwa ist spannend, der Roman lässt sie immer komplexer werden und führt die Robotisierungswünsche ad absurdum. Das Vertrauen in eine komplexe Sprache zeigt sich auch, wenn Metaphern und doppelte Verneinungen eingesetzt werden, um der Roboterüberwachung zu entkommen. Erzählerisch amüsiert das eine oder andere Augenzwinkern der Autorin: „Ein Minimum an Empathie. Ein Minimum an Identifikation.“ Das schenkt man dem darbenden Ersatzteillager Marie gern.

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