https://www.faz.net/-gr3-9lj6d

Roman von Marie Darrieussecq : Rettet die Psychoanalyse uns vor der Robotisierung?

  • -Aktualisiert am

Glasauge, fällt Ihnen da nicht irgendetwas ein?

Eine Entdeckung bringt Maries Leben vollends durcheinander: Ein Auge wird schwächer, sie wird das ihres Klons benötigen. Allerdings bemerkt sie nach der Operation, dass dem gar keins fehlt, und begreift, dass sie selbst das Ersatzteillager ist. Der Klicker meldet sich und warnt sie: Sie entfernt die Implantate und flieht zu ihm in den Wald. Das Ende des Romans beschäftigt sich mit der Rebellengemeinschaft: Entscheidend sind weder die Überlebensstrategien noch die Klon-Befreiungen, sondern die Auflösung der Rätsel dieser menschenkonsumierenden Romanwelt. Der von Kritikern gemachte Vorwurf, der Roman gehe assoziativ vor, trifft nicht: Er ist im Gegenteil genau konstruiert.

Die zweite Innovation besteht in einer Abrechnung. Die Autorin warnt nicht nur genretypisch vor den Gefahren aktueller technischer und sozialer Entwicklungen, indem sie diese in die Zukunft fortschreibt – sie rechnet vor allem mit einer bestimmten Psychologie ab. Darrieussecq hat bis 2017 (dem Erscheinungsjahr des Originals) als Psychoanalytikerin gearbeitet; das schlägt sich vielfach nieder. Es finden sich typische Referenzen, etwa Kopernikus als Beispiel einer narzisstischen Kränkung oder das Motiv des gestohlenen beziehungsweise ersetzten Auges. Die Interpretation von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, die Freud in „Das Unheimliche“ vornimmt, wird spitzbübisch ins Spiel gebracht: „Hhhhmmmmm. Glasauge, fällt Ihnen da nicht irgendetwas ein?“

Aus dem Französischen von Frank Heribert. Secession Verlag. Zürich 2019. 110 S., geb., 18,- Euro.
Aus dem Französischen von Frank Heribert. Secession Verlag. Zürich 2019. 110 S., geb., 18,- Euro. : Bild: Verlag

Darüber hinaus wird die Psychoanalyse verteidigt. Das geschieht durch eine Kritik an Maries Therapiearbeit: „So wie ich ausgebildet wurde, dient mein Beruf dazu, den Menschen ihre erlebten Traumata ‚möglich‘ zu machen.“ Dazu zieht sie besonders die neurophysiologische EMDR-Methode heran, um das „Gehirn umzuprogrammieren“; die Verzweiflung wird erträglich gemacht. Ziel ist nicht Aufarbeitung, sondern das rasche und reibungslose Funktionieren: EMDR, Biographiearbeit et al. lassen sich leicht in den Dienst des Überwachungsstaates nehmen. Sie und ihre Phrasen – „Die Vergangenheit ist vergangen, wir müssen in der absoluten Gegenwart leben. Erkennen Sie, wer Sie sind! Konzentrieren Sie sich auf Ihre Lebenslinie!“ – sind Teil einer totalitären Manipulation, die willige Untertanen, Arbeitskräfte und Organlieferanten produziert. Zwischen den Zeilen wird die heutige Persönlichkeitsoptimierung karikiert. Darrieussecq setzt dem ihr Vertrauen in Reden und Schweigen sowie eine am Unbewussten orientierte Trauma-Arbeit entgegen.

Man muss ihr darin nicht folgen, aber Darrieussecqs Text verdankt Theorie und Praxis der Psychoanalyse überzeugende Szenen und Motive. Das Spiel mit Assoziationsketten etwa ist spannend, der Roman lässt sie immer komplexer werden und führt die Robotisierungswünsche ad absurdum. Das Vertrauen in eine komplexe Sprache zeigt sich auch, wenn Metaphern und doppelte Verneinungen eingesetzt werden, um der Roboterüberwachung zu entkommen. Erzählerisch amüsiert das eine oder andere Augenzwinkern der Autorin: „Ein Minimum an Empathie. Ein Minimum an Identifikation.“ Das schenkt man dem darbenden Ersatzteillager Marie gern.

Weitere Themen

Ein Meister der Resignation

Bill Murray wird siebzig : Ein Meister der Resignation

Er brillierte in Filmen wie „Ghostbusters“, „Rushmore“ und „Broken Flowers“. Mit den Jahren ist er so etwas wie eine aktuelle Definition von komisch geworden. An diesem Montag wird Bill Murray siebzig Jahre alt.

Maria Schrader gewinnt Emmy für „Unorthodox“ Video-Seite öffnen

Sensation bei Preisverleihung : Maria Schrader gewinnt Emmy für „Unorthodox“

Der Emmy-Award ist der wichtigste Fernsehpreis der Vereinigten Staaten. Maria Schraders Auszeichnung stellt daher eine kleine Sensation dar. Die Abräumer bei der Verleihung der amerikanischen Fernsehpreise sind die Serien „Watchmen“, „Succession“ und „Schitt's Creek“.

Topmeldungen

Wolken über den Doppeltürmen der Deutschen Bank in Frankfurt

„Fincen-Files“ : Bankaktien geraten unter Druck

Die Enthüllungen namens „Fincen-Files“ über fragwürdige Geschäfte mit hochriskanten Kunden verunsichern die Anleger: Der Kurs der Deutschen-Bank-Aktien fällt um 6 Prozent und der von HSBC auf ein 25-Jahres-Tief.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.