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: Unschuld muss leiden

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Was macht die unwiderstehliche Anziehungskraft dieses Romans aus? Ganz einfach: Der Leser identifiziert sich mit dem Ich-Erzähler. Aber welcher Trick stiftet die Schicksalsgemeinschaft? Weshalb schlüpfen wir in die Haut eines Jungen, der an der Schwelle zu seinem dreizehnten Lebensjahr in die Geheimnisse des ...

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          Was macht die unwiderstehliche Anziehungskraft dieses Romans aus? Ganz einfach: Der Leser identifiziert sich mit dem Ich-Erzähler. Aber welcher Trick stiftet die Schicksalsgemeinschaft? Weshalb schlüpfen wir in die Haut eines Jungen, der an der Schwelle zu seinem dreizehnten Lebensjahr in die Geheimnisse des Lebens eingeführt wird? Weshalb schwitzen wir mit ihm im Jahrhundertsommer des Jahres 1900, und weshalb können wir nicht mehr aus seiner Haut, bis die Katastrophe geschehen ist? Die Initiation mag der schlechthin universelle Stoff sein. Hartley macht aus der anthropologischen Ahnung sein erzählerisches Prinzip: Jeder Moment der Romanhandlung ist durchtränkt von der Ambivalenzerfahrung, die Riten des Übergangs definiert. Das Verlockende ist das Abstoßende; die Neugier des Knaben Leo wird stimuliert von dem, was er um keinen Preis wissen will.

          Die soziale Welt der englischen Oberschicht des spätviktorianischen Zeitalters wird vorgeführt aus der Perspektive eines Außenseiters, eines Jungen aus bescheidenen, respektablen Verhältnissen, den die Mutter eines Schulkameraden in den Ferien auf einen Landsitz in Norfolk einlädt. Auch der Leser des 1953 publizierten Romans ist Gast in der untergegangenen Welt verschwenderischer Geselligkeit; nebenbei werden ihm die Regeln der Teepartys, Rasensportarten und Kirchgänge erläutert. Die Nostalgie, auf die der Roman spekuliert, ist von der Ambivalenz nicht ausgenommen. Der Ich-Erzähler vergegenwärtigt sich im Abstand von fünfzig Jahren den verhängnisvollen Sommer, der ihn traumatisierte. Die Beschwörung glücklicher Tage, die das Unglück heraufführen mussten, ersetzt ihm das Leben, das er versäumt hat.

          Das Lebensfeindliche, ja Lebensgefährliche der Nostalgie ist auch die Pointe des berühmten ersten Satzes des Romans: "The past is a foreign country: they do things differently there." Der Zeitunterschied wird hier im unausgesprochenen Bild des Klassenunterschiedes erfasst. Hartleys Vater war ein Rechtsanwalt, der es als Ziegelfabrikant zu Reichtum brachte; trotz jahrzehntelanger Übung machte der Schriftsteller als Gast auf Adelssitzen in den Augen seiner Gastgeber eine groteske Figur. In den besseren Kreisen "gelten andere Regeln". Auf Brandham Hall werden Leo diese Regeln beigebracht, von der Wortwahl bis zur Kleiderordnung, und doch wird man ihm immer anmerken, dass er aus einer anderen Schicht kommt, aus dem inneren Ausland. Sie tun die Dinge dort anders: Schon sprachlogisch ist ausgeschlossen, dass das Ich sich ihnen erfolgreich anpasst, dem unheimlichen Präsens zum Trotz, in dem die Toten ihren Verrichtungen nachgehen. Eine Reise in die Vergangenheit wäre mit einem tödlichen Peinlichkeitsrisiko belastet.

          Für den Schuljungen, dessen Vater verstorben ist, fällt der Kosmos von Brandham Hall mit der Welt der Erwachsenen zusammen. Während er Gefallen daran findet, sich im großen Haus verwöhnen zu lassen, und beflissen die erforderlichen Wohlverhaltensbeweise erbringt, legt er sich seine eigene Topographie zurecht, um die Schicklichkeiten unbeobachtet zu durchkreuzen: Er macht einen Bogen um das Hauptportal, treibt sich bei den Schuppen herum und hält sich am liebsten beim Komposthaufen auf.

          Vom Verdorbenen sollte der Roman nach Auskunft des Autors handeln, von der Korruption der Unschuld. Aber so simpel ist die Moral des Buches nicht, das Hartley geschrieben hat. Wenn Unschuld korrumpiert wird, muss sie korrumpierbar sein, und hinter diesem Problem verbirgt sich die Frage, ob nicht in der Erfahrungslosigkeit, im Nichtwissenwollen eine korrumpierende Kraft steckt. Leo stellt sich den unstandesgemäßen Liebesleuten Marian, der Tochter aus dem Herrenhaus, und Ted Burgess, dem Bauern unten am Fluss, als "go-between" zur Verfügung, als Bote, der Briefe hin- und herträgt. Zunächst ahnt er nicht, was es mit den "Geschäften" auf sich hat, die die Briefpartner verbinden. Die enttäuschende, nach seinen Schuljungenmaßstäben prosaische und durch und durch unromantische Wahrheit findet er heraus, als er einen Brief Marians öffnet - nachdem er sich eingeredet hat, sie habe den Umschlag absichtlich unverschlossen gelassen.

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