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: Und wenn du ihn einfach umbringst?

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Ist Ion Brebu ein Phantast, dessen Fabulierlust, vom Schnaps beflügelt, ins Unermeßliche reicht? Zu unglaublich erscheint, wovon er berichtet: von den feindlichen Brüdern Lupu und Vulpe Branistari, von denen der jüngere - Vulpe - einst sein Freund war. Und von den rivalisierenden Geschwistern Radu ...

          Ist Ion Brebu ein Phantast, dessen Fabulierlust, vom Schnaps beflügelt, ins Unermeßliche reicht? Zu unglaublich erscheint, wovon er berichtet: von den feindlichen Brüdern Lupu und Vulpe Branistari, von denen der jüngere - Vulpe - einst sein Freund war. Und von den rivalisierenden Geschwistern Radu und Vlad Tepes, die sich vier Jahrhunderte zuvor bis auf den Tod um die Herrschaft in der Walachei stritten.

          Es sind jedoch nicht allein die Bruderzwiste, die sich auf geheimnisvolle Weise in der Geschichte wiederholen, von denen Floortje Zwigtmans mehrfach preisgekrönter Roman "Wolfsrudel" erzählt, der drei Jahre nach seinem Erscheinen in den Niederlanden nun auch in deutscher Übersetzung zu haben ist. Vielmehr geht es um Verlocken und Erliegen, um die Faszination von Macht und Reichtum, um religiöse Verblendung und um Menschen, deren Habsucht sie zu Egoisten und deren Blindheit sie zu Narren macht.

          Die Geister der walachischen Fürstensöhne werden wach, als die Räuberbande, der auch Ion Brebu angehört, im geheimnisumwobenen rumänischen Kloster Snagov auf der Suche nach dem sagenhaften Schatz des Vlad Tepes - auch als "Dracula" durch Geschichte und Literatur spukend - dessen Grab plündert. Das Teilen der Beute entzweit die Brüder Branistari, die einander in Selbstgefälligkeit und der Gier nach Allmacht in nichts nachstehen, nachhaltig, und auch ihre Gefolgsleute machen das Schisma mit. Aus Rivalität wird tödlicher Haß, rasch werden die abenteuerlustigen Kerle zu Mördern. Mit der ersten gewalttätigen Entgleisung geht dann auch bei Ion "im Herzen eine Tür auf, die besser geschlossen geblieben wäre".

          Zu spät begreifen die unbedarften Bauernburschen, daß ihre wie aus dem Nichts aufgetauchten klugen Ratgeber - den einen ist es ein Einsiedler, den anderen ein Schafhirte - nichts anderes sind als raffinierte Verführer, die als mordlustige und rachsüchtige Wiedergänger aus finsterer Zeit ihr blutiges Spiel von einst fortsetzen: mit den Jungen als Schachfiguren, mit Menschenseelen als Wetteinsatz.

          Zwigtmans drastisches Bild vom Menschen, den sie als erbärmlich leicht zu manipulieren beschreibt, ihre Schilderung eines mühelos zu weckenden Potentials an Bösartigkeit erschreckt ebenso wie ihre nicht eben zimperliche Darstellung von Gewalt in allen nur denkbaren Formen: als demütigender Aufnahmeritus, als schiere Freude am Quälen, als Töten aus Gier oder aus selbsternannter Gnade, gar aus Lust am Morden. Ihrem Ränkespiel folgt man seltsam fasziniert und mit gebannter Spannung.

          Die eigenwillige Verquickung von Verbürgtem und Erdachtem zeugt von beeindruckenden historischen Detailkenntnissen ebenso wie von einer wahrhaft blühenden Phantasie. Zwigtman schöpft aus Geschichtsbüchern und Mythen des heutigen Rumänien, bedient sich bei der Fantasy- und Abenteuerliteratur, aus Gruselromanen und alten Chroniken. In der Überfülle der Ideen, Anspielungen und Symbole sowie der nicht eben geringen Zahl an Erzählsträngen und -ebenen droht sich die Geschichte gelegentlich zu verlieren wie die jungen Burschen in den Geheimgängen der dunklen Klosteranlage. Kurz bevor sich die Autorin in Unglaubwürdigkeit verstrickt, findet sie doch wieder zurück.

          Der komplexen Struktur des Romans kann nur der folgen, der eng und wachsam am Text bleibt. Dadurch geht Zwigtmans Absicht zwar unter, aus der historischen Distanz auch noch Aktualität herstellen zu wollen - die zum Krieg auf dem Balkan und der anhaltenden Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen. Aber genau das hätte wohl zu jener Überfrachtung geführt, an deren Rand sich Zwigtmans verwirrende, wenngleich höchst fesselnde Parallelgeschichten ohnehin bewegen. Sie werfen auch ohne aktuellen Bezug genug spannende, auch bange Fragen auf.

          Sieht man immer die Gespenster, die man selbst ins Leben ruft? Stellt sich stets das Unheil ein, das man heraufbeschwört? Sind die Blutsauger unter uns? Ion Brebus Erzählung von schwächelnden Menschen als Spielball teuflischer Mächte jedenfalls möchte man nur zögerlich glauben. Beruhigender wäre es, er wäre eben doch nur ein alkoholisierter Aufschneider mit einem Hang zu wilden Geschichten.

          ELENA GEUS

          Floortje Zwigtman: "Wolfsrudel". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006. 512 S., geb., 15,90 [Euro]. Ab 14 J.

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