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: Und was jetzt?

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Den letzten weißen Flecken der Erde hat weder Roald Amundsen oder Sven Hedin, auch nicht Reinhold Messner oder irgendein furchtloser Kopfjägerforscher, sondern kein anderer als der rastlose Reisepoet Raoul Schrott von der Weltkarte getilgt. Das Fleckchen liegt im Grenzgebiet von Tschad, Sudan und ...

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          Den letzten weißen Flecken der Erde hat weder Roald Amundsen oder Sven Hedin, auch nicht Reinhold Messner oder irgendein furchtloser Kopfjägerforscher, sondern kein anderer als der rastlose Reisepoet Raoul Schrott von der Weltkarte getilgt. Das Fleckchen liegt im Grenzgebiet von Tschad, Sudan und Libyen, ist eine trostlose Wüstenei und wurde aus gutem Grund von der Menschheit bisher links liegengelassen. Dann kam Schrott. Seine Expedition, über die er ein Tagebuch verfasst hat, beginnt in Tschads Hauptstadt N'Djamena, und das gar nicht mal so schlecht. Mit sparsamen Strichen zeichnet er das Bild eines Dreckslochs voller staubiger Hütten, trauriger Huren und rettungslos verlorener Expatriierter an der Endstation ihrer Existenz. Da will man schnell weg, und der Dichter macht es in großer Gesellschaft: Seine Reisegruppe besteht aus Wissenschaftlern und Fernsehleuten in Fußballmannschaftsgröße, an Bord der fünf gepflegten Jeeps sind auch Küchenhilfe, Chauffeur und ausreichend Whisky samt Limettensaft - das klingt eher nach Abenteuerurlaub als nach Lebensabenteuer, was Schrott allerdings nicht daran hindert, sich als eine Art Reinkarnation von Henry Morton Stanley zu stilisieren.

          Wie ein Tourist benimmt sich der Aushilfsforscher auch in den nächsten Tagen. Er kommt in ein Dorf, das schon ziemlich nah am weißen Flecken liegt, und wird von bettelnden Kindern umringt, was gar nicht gut für sein empfindsames Gemüt ist: ",Gib mir ein Geschenk! Gib mir ein Geschenk!' Ich bin's schon so leid, dass ich zurückfrage: Warum?" Und dann begeht er den Klassiker unter den touristischen Kardinalfehlern: Er holt Kugelschreiber hervor und verteilt sie unter den Kindern, damit sie es beim nächsten Besucher garantiert wieder mit der Bettelei versuchen. Überhaupt herrscht ziemlich viel Betrieb in der Gegend. Die Expedition stößt ständig auf Reifenspuren, sogar auf Fahrrinnen im Sand, denn das angeblich unberührte Gebiet durchstreiften schon Karawanen und französische Kolonisatoren, während sich heute dort gerne tschadische Rebellen und allerhand andere Guerrilleros verstecken. An Schrotts Attitüde des Weltenentdeckers ändern solche beiläufigen Entdeckungen freilich nichts. Er hält trotzig an seiner Illusion fest und schreibt ein paar Seiten später: "Niemand ist vor mir hier je gegangen, denke ich." Denkste!

          Das alles und selbst die langweiligen Schwarzweißfotos in Schülerzeitungsqualität könnte man als hübsche Autosuggestion ertragen, wenn Schrott sie mit Selbstironie betriebe und nicht mit dem pathetischen Ton der Arroganz. Ihren Gipfel erreicht sie bei einem Zwischenstopp in einer Kleinstadt nahe Darfur. Schrott plaudert mit Entwicklungshelfern, beschimpft sie dann als raffgierige Spendengelderverprasser und stellt den Genozid en passant in Frage, ohne auch nur einen Beweis zu nennen: Kein einziges Foto dokumentiere ihn, die Hunderttausenden Toten seien reine Spekulation, und überhaupt überfordere die Komplexität des Konfliktes die Vorstellungskraft der Europäer - keine schlechte Ausbeute an endgültiger Erkenntnis für einen Durchreisenden.

          Schrotts große Fahrt zum ziemlich fleckigen letzten weißen Flecken der Erde endet unspektakulär. Großartige Neuigkeiten hat er für die Nachwelt nicht im Gepäck, sonderlich spannend war es auch nicht, und ein letzter Versuch der Dramatisierung klingt fast schon nach Verzweiflung: "Die Vorfallslosigkeit der Reise hat uns ein Gefühl von Sicherheit gegeben, das täuscht." Dann fährt Schrott heim. Was macht er jetzt bloß, da alles getan ist?

          JAKOB STROBEL Y SERRA

          Raoul Schrott: "Die fünfte Welt. Ein Logbuch". Haymon Verlag, Innsbruck 2007. 128 S., geb., 17,90 [Euro].

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