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: Und die Samba starb einen grausigen Tod

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Zu den unauslöschlichen Bildern im Archiv des Fußballolymps gehört das strahlende Lachen Pelés beim Gewinn seines dritten Weltmeistertitels im Jahr 1970. Einen Ball am Fuß, die Fahne in der Hand, so tanzte auch der brasilianische Staatspräsident durch den Garten seines Palasts. Dass Trommeln und ...

          Zu den unauslöschlichen Bildern im Archiv des Fußballolymps gehört das strahlende Lachen Pelés beim Gewinn seines dritten Weltmeistertitels im Jahr 1970. Einen Ball am Fuß, die Fahne in der Hand, so tanzte auch der brasilianische Staatspräsident durch den Garten seines Palasts. Dass Trommeln und Tänze feiernder tropischer Schönheiten die Schreie Hunderter politischer Häftlinge übertönten, die in den Gefängnissen ebendieses Präsidenten zu Tode gefoltert wurden, wollte kaum ein Spaßverderber bemerken. Anders als bald die weltweit geächteten Gewaltherrschaften Videlas oder Pinochets erreichte die der brasilianischen Militärs, ähnlich auch der Fidel Castros, Absolution durch die Kraft der Sinnenfreude: Denn auch die Schergen tanzen Samba in der schönsten Diktatur der Welt.

          Welche Abgründe dieser Sensualitäts-Schutzschirm vor den Augen der Welt verbarg, wird in erschütternder Weise durch die lyrischen Zeugnisse des Widerstandskämpfers Paulo César Fonteles de Lima begreiflich. Im Jahr 1971, wenige Monate nach den hier evozierten Jubelszenen, wurde er auf Grund seiner Mitgliedschaft in der oppositionellen Ação Popular ("Volksaktion") als "Terrorist" verhaftet und monatelanger Folter unterzogen. Diese Erfahrung spiegelt sich in seinen nach seiner Freilassung verfassten Gedichten wider, die nun im Band "Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug" zweisprachig publiziert sind. Zusammengesetzt sind sie aus Erinnerungsfetzen des Autors. Ohnmacht und Schmerz, die Schilderung von einzelnen individuell erlebten Episoden oder von mittelalterlich anmutenden Foltergeräten wie der"Papageienschaukel", in der der Häftling an Hand und Fuß aufgehängt wird, wechseln sich ab mit wörtlichen Zitaten der Folterknechte. In Fonteles' lyrischem Universum bestimmt die Folter das Versmaß: in der Strophenform der Stromschläge, im Rhythmus der Schlagstöcke.

          Schwerer als die körperliche erweist sich jedoch die seelische Qual: "Mein Gehirn ist eine Arena / Des heftigsten Gefechts", heißt es im Gedicht "Grunzend wie ein Schwein". Charakterisiert wird die Sprache besonders durch obsessive Wiederholungen - jenseits jedes rhetorischen Stilmittels Spiegel der Foltermethode selbst, die auf penetranter Wiederholung der immerselben Reize aufbaut. Das Gedicht ist ein sprachlicher Gang in die körperliche und seelische Hölle, und diese wird vom Autor mit einer ähnlichen Präzision observiert wie von den Folterern selbst, die Technik und Perspektiven ihres Tagwerks mit wissenschaftlicher Inbrunst erforschten. "Die Methoden der Gestapo / Gestapo / Gestapo / sind überholt, / überholt. - Wir studieren / studieren / die Heilige Inquisition / Die Heilige Inquisition - Wir studieren die Heilige Inquisition" lautet ihr "Diskurs der Methode". Kein verfremdender Sarkasmus, sondern wörtliche Wiedergabe der Reflexionen eines seiner Peiniger über die unterschiedlichen Techniken des Folterns in Kriegs- und Friedenszeiten.

          Wie der Übersetzer Steven Uhly in seinem begleitenden Essay eindrucksvoll herausstreicht, verzichtet Fonteles auf jede bewältigende Distanzierung vom Erlebten, sei es durch Metaphern und poetische Überhöhung, sei es durch Sarkasmus und intellektuelle Analyse. Er schafft nicht, wie etwa sein Zeitgenosse Alex Polari, ein verheilendes "Inventar der Narben" - er lässt die Wunden im Gedicht erneut aufbrechen. Durch diese Schonungslosigkeit entwickeln Fonteles de Limas Gedichte einen Sog, der ebenso beängstigend wie unwiderstehlich ist. Jenseits der politischen Bedeutsamkeit als Zeugnis eines Unrechts, das im kollektiven Bewusstsein Brasiliens noch fern der Aufarbeitung ist, fügen sich die Verse zu einem eindrucksvollen Kunstwerk, das in der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts wenig Parallelen findet.

          Am 11. Juni 1987 wurde Paulo César Fonteles de Lima auf offener Straße erschossen - zwei Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, die auf diesem Wege an ihm ihre zweite, verspätete Rache nahm. Doch es gibt noch eine dritte, gewissermaßen metaphysische Rache, die subtiler und fortdauernder ist als die vorausgehenden: das Totschweigen und seine erreichte Absicht, das Vergessen. Bis heute blieb Fonteles' literarisches Werk unpubliziert - auch in Brasilien selbst, also sollten rückwirkend die Verse des Autors als Prophezeiung bestätigt werden: "Stille / Stille / Stille / Das Wort / wurde verboten."

          Diese Stille nach zwanzig Jahren weltweit erstmals gebrochen zu haben und so über die deutsche Sprache dem Autor wieder den Weg in seine brasilianische Heimat zu ebnen ist ein Verdienst, das Steven Uhly und dem Verlag Matthes & Seitz kaum hoch genug angerechnet werden kann.

          FLORIAN BORCHMEYER

          Paulo César Fonteles de Lima: "Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug". Gedichte Portugiesisch/Deutsch. Aus dem brasilianischen Portugiesischen übersetzt und mit einem Essay versehen von Steven Uhly. Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2006. 191 S., geb., 22,80 [Euro].

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