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: Umwölkt

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Panzer rollen, das Militär putscht am anderen Ende der Welt, und plötzlich wird aus einer kleinen Geschichte amerikanischer Innerlichkeit so etwas wie ein Schlüsselroman: Nick McDonell, vor vier Jahren mit seinem sensationell oft verkauften Debüt "Zwölf" bekanntgeworden, hat sich als Schauplatz für ...

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          Panzer rollen, das Militär putscht am anderen Ende der Welt, und plötzlich wird aus einer kleinen Geschichte amerikanischer Innerlichkeit so etwas wie ein Schlüsselroman: Nick McDonell, vor vier Jahren mit seinem sensationell oft verkauften Debüt "Zwölf" bekanntgeworden, hat sich als Schauplatz für sein zweites Buch Bangkok ausgesucht, und zwar das Bangkok der Korruption, Prostitution und der Rucksacktouristen: Ein junger Amerikaner fährt nach Thailand, um für eine Reportage über Ecstasy-Parties zu recherchieren, verliebt sich, findet den verlorenen Freund seines Vaters und wird Zeuge polizeilicher Willkür und zweier Morde. Alle, die er trifft, sind irgendwie süchtig. "Der dritte Bruder" ist wieder ein Drogenbuch, wie es schon "Zwölf" war, und wieder heißt die Hauptfigur Mike. Nur diesmal ist die Sprache nicht mehr so ausgekühlt und halbgefroren, mit der Nick McDonell seinen episodischen Roman erzählt.

          "Zwölf", die Geschichte reicher New Yorker Kinder auf der Jagd nach der Wunderdroge, hatte im Jahr 2003 die Leser begeistert, einmal, weil McDonells Figuren so angsteinflößend schön kaputt waren - und dann, weil er sie eben so kalt beschrieb, mit 17 Jahren, älter war er nicht, als er den Roman begann. "Der dritte Bruder" ist jetzt eine lakonische, aber gar nicht mehr kalte Familiengeschichte, von Toten, Gespenstern und Untoten: Sie gipfelt im 11. September 2001, an dem Mike seinen depressiven Bruder verliert, der kurz zuvor seine Eltern und ihr Haus in Brand gesteckt hatte und nun angesichts der qualmenden Türme vom Dach eines Hauses in Manhattan springt. Und man hätte das Buch vielleicht abgetan als Erinnerungsliteratur zum fünften Jahrestag, ein gutes zweites Buch, das alle Hoffnungen des ersten bestätigt - wären nicht Panzer durch Bangkok gerollt.

          McDonell erklärt einem natürlich nicht, was da gerade passiert ist, oder ahnt es voraus - dafür schickt er fremdelnde Ausländer durch ein Bangkok, dessen innere Logik sie nicht verstehen, denen alles geheimnisvoll erscheint, weil ihr Blick es exotisiert: eine junge Frau mit Baby auf dem Motorrad, dieses Bild sucht Mike immer wieder heim. Und vielleicht hätte man den Roman sogar als Ausdruck von Selbsthaß abgetan, weil ein junger, reicher Westler mit einer thailändischen Hure schläft, die später erschossen wird, und der Plot sich schließlich im Rauch des World Trade Center und einer schweren Gemütsumwölkung des Erzählers auflöst - wenn man nicht genauso perplex auf die Fernsehbilder aus Bangkok starren würde wie Mike auf das Leben in der Khao-San-Straße. Irgendwas hat all das mit uns zu tun, nur was? "Der dritte Bruder" ist ein Roman großer Ratlosigkeit, ein Schlüssel ohne Tür - und Nick McDonell ein erstaunlicher Erzähler dieser bequemen Unschlüssigkeit.

          TOBIAS RÜTHER

          Nick McDonell: "Der dritte Bruder". KiWi-Taschenbuch, 269 Seiten, 8,95 Euro.

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