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Umberto Eco: Die Kunst des Bücherliebens : Wissen stinkt nicht

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Bibliophilie ist eine Lebenskunst, aber auch eine Sucht: Umberto Eco setzt in seinem neuen Buch über die „Kunst des Bücherliebens“ seine Erforschung der Schicksale und Geschichten von Büchern fort.

          Im Jahr 1915 erschien in Frankreich ein offenbar mit heißer Nadel gestricktes Pamphlet. Sein Titel: „La polychrésie de la race allemande“. Darin trat ein Arzt namens Bérillon den Nachweis an, dass Deutsche im Durchschnitt mehr und übelriechendere Fäkalien produzierten als Franzosen – eine mitten im Ersten Weltkrieg gewiss nicht kriegsentscheidende, aber doch für Frankreich willkommene, weil den Gegner herabsetzende Feststellung.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Trotzdem war der nur zwanzigseitigen Broschüre kein größeres Nachleben beschieden. Vor siebzehn Jahren aber stieß Umberto Eco in einem Antiquariatskatalog namens „Cabinet de curiosité“ auf ein Angebot dieser vergessenen Schrift. Er erwarb sie nicht, erwähnte sie jedoch 2007 in seinem Buch „Die Geschichte der Hässlichkeit“, und zwar im italienischen Original mit dem offenbar schon im Katalog falsch, weil um einen Buchstaben verkürzt zitierten Titel „La polychesie de la race allemande“.

          Lohnende Internetrecherchen

          Dieser Titel wiederum trieb den spanischen Übersetzer Ecos zu einer aufwendigen Internetrecherche an, weil er seinen Lesern im Gegensatz zu Eco eine Übersetzung des französischen Titels bieten wollte, diesen aber unverständlich fand. Schließlich bekam er Auskunft von einem russischen Kollegen über die richtige Schreibweise, und tatsächlich stieß er sogar noch auf einen weiteren Antiquariatskatalog, in dem die bislang einzige bekannte ausführliche Wiedergabe des Bérillon-Aufsatzes zu finden war: „La polychrésie de la race allemande. Das übertriebene Darmleerungsbedürfnis der deutschen Rasse. Superlienteria germanica. – Extrait des Bulletins et Mémoires de la Société de Médecine de Paris, séance du 25 juin 1915. P., Maloine & fils, 1915. 24 × 16 cm, 20 p. Broché.“ Seitdem, so beklagt der spanische Übersetzer, sei dieser Eintrag aber wieder aus dem Netz verschwunden.

          Die Geschichte der Suche nach dem in mehrfacher Hinsicht verderbten Titel hätte Umberto Eco gefallen – und mutmaßlich kennt er ihr Ergebnis auch, denn in der gerade erschienenen Übersetzung seiner 2006 auf Italienisch publizierten Textsammlung „La memoria vegetale e altri scritti di bibliofilia“, die im Original noch von „La polychesie“ sprach, steht nun korrekt „La polychrésie“. Vielleicht ist aber dies auch das Verdienst von Ecos bewährtem Übersetzer Burkhart Kroeber, der auch diesmal wieder ein kleines Meisterstück vollbracht hat, denn den teilweise rhapsodischen Ton, der in den meist für Vorträge entstandenen Texten waltet, hat er meisterhaft ins Deutsche gebracht. Und zudem hat er das Buch noch um ein paar Anmerkungen ergänzt, die den Zugriff auf seltene Bücher oder Abbildungen, die Eco erwähnt, erleichtern. Dass einmal eine angekündigte Alliteration im Deutschen keine Entsprechung findet oder ein andermal Prag steht, wo Magdeburg gemeint ist, sind zu vernachlässigende Kleinigkeiten.

          Das pflanzliche Gedächtnis

          Der Titel der in Absprache mit dem Autor um einige Texte gekürzten deutschen Ausgabe hat die enigmatische Formulierung vom „pflanzlichen Gedächtnis“ (darunter versteht Eco jene Erinnerung, die in den aus pflanzlichen Fasern oder Holz hergestellten Papyrus- oder Papierbüchern konserviert wird) durch die griffigere von der „Kunst des Bücherliebens“ ersetzt. Gemeint ist damit natürlich eine Lebenskunst, auch wenn aus Ecos Beiträgen schnell deutlich wird, dass die Bibliophilie eine Sucht ist und den ihr Verfallenen häufig unglücklich zurücklässt angesichts der Fülle von Schriften, die er nicht besitzen kann. Immerhin aber unterscheidet ihn der Grad des Fanatismus noch vom Bibliomanen, dem man jeden Diebstahl zutrauen kann, wenn es um rare Bücher geht. Doch selbst gegenüber dieser Gruppe kann Eco eine gewisse klammheimliche Sympathie nicht verleugnen.

          Sein Band ist aber vor allem eine Liebeserklärung an Bücher. Mit welcher Akribie Eco deren Geschichten und Schicksalen nachgeht, ist teilweise atemraubend. Höhepunkt ist ein fast fünfzigseitiger Aufsatz über Heinrich Khunraths „Amphitheatrum Sapientiae Aeternae“, ein Vorläuferbuch der Rosenkreuzler, die, wie man aus Ecos Roman „Das Foucaultsche Pendel“ ja weiß, zu den besonderen geistesgeschichtlichen Lieblingen des italienischen Autors zählen. Erschienen ist das Werk des in Leipzig gebürtigen Khunrath im Jahr – tja, und da fängt Eco an zu forschen, denn die Angaben zur Erstpublikation widersprechen sich. Eco führt den Nachweis, dass es 1595 eine erste Ausgabe in Hamburg gegeben hat, die aber nur noch in zwei bekannten Exemplaren erhalten ist, während der vollständige und vor allem mit zwölf Kupferstichen illustrierte Text erst 1609, vier Jahre nach Khunraths Tod, in Hanau gedruckt wurde – dessen lateinischen Namen Hanovia diverse Exegeten mit Hannover übersetzten.

          Innenarchitekten als Bibliothekare

          Das muss ein befriedigendes Ergebnis für Eco gewesen sein, denn eines der Hanauer Exemplare findet sich in seiner eigenen Bibliothek. Wie überhaupt etliche der im Buch gefeierten Titel. Das gilt wohl auch für die „Abenteuer des Telemach“, Franois Fénélons Erfolgsbuch aus dem achtzehnten Jahrhundert, das heute noch leicht zu finden ist – so leicht, dass Eco gleich zweimal spottet, dass man an dessen Vorhandensein in heutigen Bibliotheken die Anschaffung von deren Buchbestand durch einen Innenarchitekten erkennen könne. Nun ja, es gibt auch viel Eco in deutschen Bibliotheken.

          Gelegentliche Redundanzen in den verschiedenen Texten sind dadurch zu erklären, dass Eco als häufiger Vortragender nicht jedes Mal völlig neue Aspekte präsentieren konnte. Die meisten Vorträge, die sich in „Die Kunst des Bücherliebens“ finden, hat er über die Jahre zudem mehrfach gehalten, wodurch sie allerdings auch immer wieder aktualisiert wurden. Der Zeitraum ihres Entstehens umfasst die letzten beiden Jahrzehnte, und es ist faszinierend zu verfolgen, wie Motive aus Ecos Romanen darin vorbereitet oder fortgeführt werden.

          Phänomenologie seiner selbst

          Diese Fähigkeit, nicht streng zwischen seinen fiktionalen, autobiographischen und wissenschaftlichen Texten zu trennen, sondern an einer großen Phänomenologie seiner selbst weiterzuarbeiten, das macht nicht unwesentlich die Attraktivität des Schriftstellers Eco aus. Und seinem deutschen Verlag ist zu danken, dass er auch die Nebenwerke zugänglich macht, , in denen sich so manche Trouvaille findet. Wenn sie auch so anrüchig ist wie die Schrift jenes Bérillon, dessen Vorname durch eine Parallelrecherche bislang nur auf S.E. eingegrenzt werden konnte. Dass man aber überhaupt noch an ihn denkt, ist eines der vielen Verdienste von Eco.

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