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Charles Lewinskys „Der Halbbart“ : Umbauarbeiten am Mythos

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Die Schlacht von Morgarten im November 1315, hier dargestellt von Jules Courvoisier, gilt als wichtige Etappe auf dem Weg zum Schweizer Staat. Bild: Bridgeman Images

Auch Klio richtet: Charles Lewinsky fabuliert in seinem Roman „Der Halbbart“ mit dem Teufel um die Wette. So frech wurde die Gründungslegende der Schweiz noch nie erzählt.

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          Pfeil und Bogen, Hellebarden, Kanonen, Atombomben: jedes Zeitalter erfindet seine Wunderwaffe. Die mächtigste von allen aber kennt kein technisches Apriori. Es ist, selbstverständlich, das Wort. Es war im Anfang, und es wird am Ende sein. Ein König ohne Chronist verliert sich spurlos im Strom der Geschichte. Und was wahr ist, bestimmt der Diskurs. Es gibt nur eine Möglichkeit, eine historische Meistererzählung noch einmal aufzuschnüren: eine meisterliche Neuerzählung.

          Dass der Schweizer Autor Charles Lewinsky vieles kann und wenig scheut, beweist er seit Jahrzehnten. Er hat erfolgreiche Theaterstücke, Kinderbücher, Krimis, Sitcom-Drehbücher, Manifeste und Satiren ebenso verfasst wie von der Kritik gefeierte Romane zur Zeitgeschichte („Melnitz“, „Gerron“, „Kastelau“), über die Faszination des Bösen („Andersen“) oder den Literaturbetrieb („Der Stotterer“). Die Manipulation durch Sprache ist ein wiederkehrendes Thema. Mit Mitte siebzig legt er nun sein Opus magnum vor, einen lumpenphilosophischen Abenteuer-Schelmenroman vom Schlage des „Simplicius Simplicissimus“, der sich voller Fabulierlust an der ewigen Gewaltfrage abarbeitet.

          Der Fokus liegt auf der zentralschweizerischen Bauernschicht des Hochmittelalters, und wie das im Dreißigjährigen Krieg spielende Vorbild stellt das Buch sozusagen die Theodizeefrage von unten. Ist Gott nur eine Idee des Teufels, um die Menschheit mit einem unerreichbaren Ideal zu quälen? Trotz mancher Gewaltexzesse in „Der Halbbart“ weicht aber das Rohe von Grimmelshausens Barockprosa einer verspielten Nachdenklichkeit, die nichts Moralisierendes hat und doch eine andere Wirklichkeit denkbar werden lässt. Die Kunst hätte ihr die Regeln zu geben, was Schiller, vielleicht vorschnell, Utopie nannte. Ein wenig „Schlafes Bruder“-Romantik hat Lewinsky auch hinzugefügt.

          Gewitzt neu erzählte Vorgeschichte

          Dass das Buch zugleich von der Macht des Literatur handelt, wird schnell deutlich, denn der Erzähler Eusebius, genannt Sebi, aus dessen Perspektive wir auf das Geschehen blicken, ist nicht nur ein für die Feldarbeit unbrauchbarer Bauernjunge, sondern auch ein verträumter Geschichtenerzähler. Er ahnt, dass dieses scheinbar nutzlose Talent seinen Nutzen hat: „Ich glaube, wenn es keine Geschichten gäbe, die Leute würden an der Langeweile sterben wie an einer Krankheit.“ Im selben Moment bemerkt er freilich, dass die verrücktesten Dinge wahr zu werden scheinen, „wenn man sie nur oft genug erzählt“. Gleichwohl, er beschließt, Geschichtenerzähler zu werden, ein über die Dörfer ziehender Unterhalter (und nicht etwa klassischer Minnesänger, was bei seiner Stellung undenkbar wäre).

          Dazu geht der Dreizehnjährige in die Lehre bei einem Mütterchen, das sich so sein Auskommen sichert. Unzählige Teufelsfabeln werden nun erzählt, die meist davon handeln, dass der Satan beim Wettlauf um die Seelen der Sterblichen die Hörner vorn hat. Einer Instanz nur muss er sich beugen: den Erzählern. Sie bestimmen den Diskurs. Und hier begegnen sie als Fackelträger der Aufklärung.

          Inhaltlich handelt es sich um die gewitzt neu erzählte Vorgeschichte der berüchtigten Schlacht am Morgarten aus dem Jahr 1315, in der die verbündeten Eidgenossen den Habsburgern eine empfindliche Niederlage beibrachten: der Nukleus der heroischen Ursprungslegende der Schweiz. Exakt recherchiert ist das sicher, aber Lewinsky ist kein Umberto Eco. Mediävistisch akkurat muss es für ihn nicht zugehen. Das zeigt sich schon an den Mentalitäten der Hauptfiguren: Sie denken, fühlen und handeln wie moderne Individualisten. Neben Sebi ist da etwa der Halbbart, ein geheimnisvoller Flüchtling, der im zwischen Einsiedeln und Schwyz gelegenen Dorf des Ich-Erzählers wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein scheint. Sein halbes Gesicht ist verbrannt, daher der Name.

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