https://www.faz.net/-gr3-a3xiy

Charles Lewinskys „Der Halbbart“ : Umbauarbeiten am Mythos

  • -Aktualisiert am

Dem Aberglauben und der Frömmigkeit steht der Halbbart, der sein Judentum nicht grundlos privat hält, skeptisch gegenüber. Er verdient sich Anerkennung als Physikus, indem er in Medizinfragen rational vorgeht. Dem elternlosen Helden wird er Freund und Mentor, aber zugleich ist da etwas Dunkles in ihm: eine halbverbrannte Seele, um die Himmel und Hölle ringen. Zum Hiob fehlt ihm die Schicksalsergebenheit; er schwankt vielmehr zwischen Philanthropie und archaischer Rachegier. Eine ganz vom Erinnerungsschmerz bestimmte Identität wirkt freilich so wenig mittelalterlich wie das Wissenschaftsethos des Halbbarts. Er ist es denn auch, der hier eine moderne Waffe erfindet (bei Grimmelshausen bringt Simplicius dem Zaren das Schießpulver), aber Sebi darf ihr den Namen geben: „Halbbarte“, woraus dann wohl die „Hellebarde“ wurde. So zeitgenössisch aber die Psychologie der Protagonisten, so virtuos sind sie auf Handlungsebene in eine opulent ausgemalte prämoderne Gesellschaft eingewoben, deren Nöte, Freuden und Konflikte durchaus historisch stimmig wirken.

Viel unheroischer, als es die Geschichtsbücher berichten

Den nüchternen Erzählton, betont naiv, aber stets augenzwinkernd mit uns Nachweltlern verbündet, trifft der Autor hervorragend, wobei schon die vielen Helvetismen („stotzig“, „kurlig“, „verschnäpft“) dem Stil eine rustikale Aura verleihen. Geschickt hat Lewinsky die große Geschichte, den zur jahrzehntelangen Fehde ausgewachsenen Marchenstreit zwischen dem Kloster Einsiedeln – respektive seinen habsburgischen Schutzherren – und den Landleuten des Ortes Schwyz, auf eine familiäre Konstellation herunterprojiziert. Zwei Brüder hat der Sebi, den bedachtsam-klugen, bei einem Unfall zum Krüppel gewordenen Geni (Origenes), der es zum diplomatischen Politiker im Dienste des Landammanns von Schwyz bringt und auf Frieden dringt, sowie den impulsiven Poli (Polydor), der sich bald, animiert von einem voller Abscheu porträtierten gewaltversessenen Soldatenonkel, als Anführer eines rebellisch-räuberischen Fähnleins aufspielt.

Charles Lewinsky: „Der Halbbart“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 688 S., geb., 26,– €.
Charles Lewinsky: „Der Halbbart“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 688 S., geb., 26,– €. : Bild: Diogenes Verlag

Auch im Kloster geht es autoritär zu, wie der als Abtsmündel aufgenommene Sebi feststellen muss. Ein Utilitarist wie sein Freund Hubertus mag sich dort wohl fühlen, der Held aber flieht entsetzt, als von ihm das Verschleiern eines abscheulichen Verbrechens verlangt wird. Die Schwyzer kommen indes noch schlechter weg. Der Stolz steigt ihnen zu Kopf: „Wenn einer zu viel Mut hat, habe ich einmal sagen hören, bleibt kein Platz für den Verstand.“ Gerüchte, Ängste und Unzufriedenheit wachsen schneller als Einsichten. Gewalt zeugt Gewalt, da sind Aktion und Reaktion kaum noch zu trennen, zumal in den Wirren rund um die Doppelwahl von 1314, als ein Habsburger und ein Wittelsbacher sich zu Königen des Reiches krönen ließen. So braut sich Tag um Tag eine große Auseinandersetzung zusammen. Entgegen der Überlieferung ist der Überfall auf das Kloster Einsiedeln samt Schändung der Kirche und Entführung der Mönche in der Dreikönigsnacht 1314 hier allerdings keine Folge der Exkommunikation (Bann und Interdikt), sondern geht ihr sogar voraus.

Und auch wie dieser Überfall auf das Kloster sowie der Angriff auf das Heer von Herzog Leopold von Österreich, Bruder des Habsburgerkönigs Friedrich des Schönen, bei Morgarten dann abläuft, das nimmt sich in der Nahsicht unseres Beobachters viel unheroischer aus, als es die Geschichtsbücher berichten. Wie die beiden Versionen doch noch zueinanderfinden, über die Waffe des Wortes natürlich, das ist der finale und wunderbar selbstbezügliche Clou dieses fulminanten Romans. Ganz unabhängig von dieser Parabel über das Dichten und Richten der Historiographen-Muse Klio führt uns Lewinsky darin mit schier überbordender Kreativität vor Augen, wie fatal und unverbesserlich der Mensch dem inneren Teufel immer wieder freien Lauf lässt: „Wenn man lang genug gefressen hat, will man auch einmal kotzen.“ Dass ein solches Buch auch noch im besten Sinne ein Schmöker ist, den man kaum aus der Hand legen möchte, bezeugt das Können des Autors.

Charles Lewinsky: „Der Halbbart“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 688 S., geb., 26,– €.

Weitere Themen

Topmeldungen

RKI-Präsident Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellen sich auch an diesem Freitag den Fragen der Pressevertreter.

Corona-Liveblog : Was sagen Spahn und Wieler zur aktuellen Corona-Lage?

Der Bundesgesundheitsminister und der RKI-Präsident äußern sich in Berlin +++ Der Paul-Ehrlich-Institut hält Astra-Zeneca-Impfstoff für sicher +++ Inzidenz in Deutschland steigt auf 65,4 +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
Vertritt jene, die die Sicherheitsbehörden hinter Gittern sehen wollen: Strafverteidigerin Basay-Yildiz

Anwältin Basay-Yildiz : „Meine Familie ist zum Abschuss freigegeben“

Die Anwältin Seda Basay-Yildiz hat eine weitere Morddrohung vom „NSU 2.0“ erhalten. Die Schutzmaßnahmen für ihr Haus, die das LKA empfiehlt, muss sie selbst zahlen. Dafür kritisiert sie den hessischen Innenminister scharf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.