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Ulrike Serowy: Skogtatt : Gefrorener Lärm in kalter Schönheit

Bild: Hablizel

Ulrike Serowys Erzählung „Skogtatt“ ist ein lichtabweisendes Juwel. Sie handelt von der Erfahrung mit Black Metal und dessen Schreien, Knurren, Würgen und Kreischen.

          2 Min.

          In der Antarktis lebt eine Sorte Frosch, die jeden Blizzard übersteht: Wenn es zu kalt wird, gefriert ein Drittel der Biomasse dieser Tiere, kehren die spärlichen Sonnenstrahlen zurück, fangen die Herzen der Amphibien wieder zu schlagen an. „Skogtatt“ von Ulrike Serowy, eine schmale Erzählung, ist solch ein Frosch: Das Herz ihrer Sprache pumpt warmes salziges Blut ins Erzählte, dann gefriert es in Minimalismus und kühlster Beschreibung, dann aber kehrt es wieder als entgrenzter, verwandelter, nie gehörter Takt.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein paar junge Männer machen in einer von Eiswind bedrängten Hütte elektrisch verstärkte, sehr wütende Musik, gleichzeitig expressiv und verschlossen. Nach der Probe geht jeder von ihnen seiner Wege. Einer nimmt dazu das Auto. Der Wagen bleibt liegen - im Schnee, im Wald, auf gewundener Straße. Der junge Mann steigt aus und stapft ins Dunkel. Sein Ende ein Verschwinden, für das die Erzählung nur noch Scherben und Splitter von Sätzen weiß.

          Dröhnende Mollorgien und kakophone Disharmonien

          Black Metal, die Spielart des Heavy Metal, um die es in diesem Roman geht, ist mal disziplinierter Marsch von Feuerkolonnen in Noten, mal deren ungeordneter Sturmangriff. Schreien, Knurren, Würgen und Kreischen zerstören Texte, die alles beleidigen, was die Form „Lied“ vom Kirchenhymnus bis zum Popsong loben und feiern soll. Diese Kehlkopfstrapazen begleiten dröhnende Mollorgien und kakophone Disharmonien - mit frostiger Systematik werden die klanglichen Voraussetzungen des eigenen Musizierens so aufgebrochen, ausgeweidet, durch den Wolf gedreht.

          Bandnamen, Signaturen wie Windabtragungen im Schnee: Venom. Bathory. Celtic Frost. Burzum. Mayhem. Emperor. Darkthrone. Immortal. Watain. Literatur hat es schwer, von Erfahrungen mit dieser Musik zu berichten. Denn sie gehört zu der Sorte Kunst, die nicht verstanden, nur erlebt werden will, soweit „verstehen“ heißt, „etwas bislang nicht Bekanntes auf etwas Bekanntes zurückführen“. Nichts Vertrautes soll sich der Erfahrung der totalen Negativität anschmiegen, die da gewollt wird.

          Black Metal bis ins kleinste sprachliche Detail

          Ulrike Serowys kleines, lichtabweisendes Juwel spricht seine Nähe zum Black Metal nicht bloß stofflich, sondern in sprachlichen Details aus, die gegen die Mitteilungskonventionen der Gebrauchsgrammatik Setzung um Setzung verstoßen, mit Präzision bis ins Kleinste: Wie etwas vorgelesen klingt, ist diesem Text wichtiger als der sinntragende beschreibende Verweis - „tastend und tobend“ nennt Serowy die Musik in der Hütte einmal, obwohl das eine Verb etwas Zartes, das andere etwas Brutales bezeichnet.

          Der Stabreim soll da herrschen, die Bedeutung muss sich unterwerfen. Adjektive setzt sie, wenn das passt, nicht zur näheren Bestimmung oder Verwandlung von Hauptwörtern ein, sondern zu ihrer Verstärkung, so entstehen scheinbare Tautologien, die aber nicht redundant, sondern als tonlos-drohende Beschwörungen funktionieren: „Vor dem weißen Schnee stehen sie als schwarze Schatten.“ Dass Wahrnehmungen am extremen Rand des Lebens aneinander irre werden können, Geräusche plötzlich eine Chemie haben und Geschmäcker einen Klang, sagt sie mit einer synästhetischen Kurzformel: „ein schwefliges Fauchen“.

          Faith Coloccias stimmungsvolle, grau-in-jenseitig gehaltene Illustrationen geben dem Schmuckstück Raum zum Atmen, eine dem Urtext beigefügte Übersetzung ins Englische gibt Anlass zum genaueren vergleichenden Studium seiner vielen offenen wie verborgenen Schönheiten. Die unheimlichste unter ihnen ist der nicht leicht deutbare, teils misanthropische, teils romantische Humor, der sich wie ein flinker, bissiger Körperumriss unter einer dicken Eisdecke durch die Erzählung bewegt: „Wie sollte er“, fragt sich der Erfrierende, vom Absterben des eigenen Fleisches irritiert, „ohne Fingerkuppen Gitarre spielen?“

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