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Ulrike Almut Sandig: Dickicht : Es geht nicht um dich, es geht um alles

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Bild: Verlag

In Ulrike Altmut Sandigs Gedichtband „Dickicht“ stellt die Autorin Gedicht und Gegengedicht antithetisch einander gegenüber.

          „STOP“ – zwei Gedichte in Ulrike Almut Sandigs Gedichtband enden mit diesem Warnhinweis. In beiden Fällen verweigert das Verkehrszeichen eine vom Text nahegelegte ungeheuerliche Aussage; „hier fängt alles neu STOP“ heißt es am Ende des Gedichts „Angesehen werden“, in dem von dem Ort gesprochen wird, wo 1938 die Juden in Leipzig zusammengetrieben wurden, ehe sie nach Buchenwald transportiert wurden. Ein Gedenkstein, der aus der Gesteinsart Diabas besteht, erinnert daran, und „Diábasis“ bedeutet so viel wie „Übergang“, „Durchgang“; „hier ist der Durchgang, hier fängt alles neu STOP“ – nein! Das darf nicht sein! Vor einer Fortsetzung des Satzes wird gewarnt.

          Dieses Gedicht ist zwar nicht im Hinblick auf seine inhaltliche Brisanz, wohl aber auf die ihm zugrundeliegende Verfahrensweise kennzeichnend für Ulrike Almut Sandigs Gedichte: Sie haben es immer wieder mit dem zu tun, was im Gedicht sagbar oder unsagbar ist. „nein, es geht nicht um dich“, so beginnt ein Gedicht, in dem es dann heißt: „es geht um alle Sachen / die aussprechbar sind“. Aber im Ausgesprochenen wird das Unaussprechliche stets mitzitiert; und also auch das Du.

          Gern stellt die Autorin Gedicht und Gegengedicht antithetisch einander gegenüber

          Und so verhält es sich mit allem, was verloren, vergessen, verschwunden ist: Indem es als Nichtvorhandenes benannt wird, ist es wieder vorhanden. Diese Dialektik bestimmt den ganzen Gedichtband mit der Gliederung in die Abschnitte „Norden“ und „Süden“, und sie bestimmt den Ablauf zahlreicher Gedichte. Gern stellt die Autorin Gedicht und Gegengedicht antithetisch einander gegenüber. In dieser Form präsentieren sich etwa zwei Gedichte über das, was vermeintlich feststeht, was also bleibt. Aber am Ende steht doch fest, „dass nichts / fest stand, auch das war ja immer noch da“. Dialektische Verwirrung stiften auch die beiden furios komischen Texte über das „Sie sagen“ respektive das „du sagen“ zwischen Herr und Hund, wobei kaum noch widerspruchsfrei zu entscheiden ist, wann der Herr und wann der Hund sich über die Anredeform des Partners beschwert.

          So sieht sich der Leser immer wieder ins Dickicht des Widersprüchlichen verwiesen. Mit guten Gründen hat die Metapher des Dickichts dem Band seinen Titel gegeben. Das Dickicht ist allgegenwärtig: in den Hochhäusern, in der Luft, und es wuchert auch in der Brust: „ich wünsch mir kein Dickicht mehr / in uns hinein, nur noch um uns herum“. Auch das Gedicht selbst will durchdrungen, verstanden werden; es ist selbst das Dickicht. Mit einer Mischung aus Stolz und Naivität beginnt ein Gedicht, das „Lied“ heißt: „dieses Lied hab ich nur / aus Wörtern gemacht“ – ja, woraus auch sonst, möchte man fragen. Doch das wäre voreilig; denn das Lied demonstriert originell, dass mit den Wörtern stets Metren und Klänge, Bedeutungen, Intentionen und Traditionen in das Gedicht dringen. Es ist eine kleine selbstgemachte Poetik, die das Gedicht entwirft und dem die Autorin nicht ohne Eitelkeit Dauerhaftigkeit wünscht: „hörst du / mein Lied? mein Lied soll / nie aufhören! mein Lied / hört auch nie auf, solange / ich selber nicht aufhör“.

          Es folgt das mathematische Unendlichkeitszeichen der liegenden Acht

          So weit, so gut. Aber damit hört das „Lied“ nicht auf. Besagte Dialektik setzt sich abermals durch: „aber jetzt kommt ein Lied / das habe ich ganz ohne / Wörter gemacht. Achtung! / an genau dieser Stelle / geht alles erst los“. Und es folgt auf einer sonst leeren Seite nichts anderes als das mathematische Unendlichkeitszeichen der liegenden Acht. Das ist, vordergründig betrachtet, ein Mätzchen, eine übermütige Spielerei. Aber es weist doch zugleich auf unendlich viel mehr hin, nicht nur weil es die Differenz zwischen Wörtern und Zeichen sinnfällig macht. Wohlbedacht steht dieser Hinweis auf das Unbeendbare am Ende eines Gedichtbands, der bei aller Ernsthaftigkeit der vorgeführten dialektischen, labyrinthischen und aporetischen Denk-Situationen durch Sprachwitz, Selbstironie und Humor, philosophische Phantasie und ein emphatisches dichterisches Selbstverständnis überzeugt und vergnügt. Ein allerletztes Gedicht kommentiert den Unendlichkeitsdiskurs und schließt mit der Aufforderung an ein Du, „wenn / du bei mir bist und das hier vernimmst // dann sag’s den Anderen weiter: wir sind / von allen guten Geistern verlassen // aber immer, immer noch hörbar“. Gut, ich sag’s andern weiter.

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