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Ulrich Becher: Murmeljagd : Es hat wirklich gar keinen Sinn, sentimental zu sein

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Bild: Verlag

Zeit seines Lebens war Ulrich Becher, einem Schüler von George Grosz, mit seinem stattlichen literarischen Werk wenig Erfolg beschieden. Jetzt ist mit seinem wichtigsten Roman „Murmeljagd“ auch der Verfasser neu zu entdecken.

          Ein wundersam herrliches Buch: gut, dass wir es wieder lesen können! Eine Herausforderung auch: schön, dass wir uns ihr stellen dürfen! Ein bis zum Ärgernis verschwenderischer Roman schließlich: lassen wir uns von ihm beschenken!

          Nur wenige der zahllosen Romane, die in den gewaltigen Magazinen im Untergrund des Museums der modernen Literatur gespeichert sind, erhalten je eine Chance, das Licht der Öffentlichkeit noch einmal zu erblicken. Die Verweildauer der Bücher auf dem Markt wird immer kürzer, und was einmal nicht mehr lieferbar ist, ist in der Regel, nun ja, für immer geliefert. Unter diesen Bedingungen bereitet es einem melancholisch die Schädelstätten der modernen Literatur betrachtenden Leser besondere Genugtuung, wenn einmal ein mutiger Verlag einem uralten Roman die Chance gibt, neue Leser zu gewinnen. In diesem Fall erschien dieser uralte Roman vor vier Jahrzehnten und erweist sich bei der Neulektüre als erstaunlich frisch.

          Auf der Flucht vor den Nazis

          Sein Verfasser hat nie die Aufmerksamkeit des Literaturbetriebs gefunden und war mit Preisen nicht gesegnet. Ulrich Becher, geboren 1910 in Berlin, debütierte 1932 mit dem Erzählungsband „Männer machen Fehler“, erschienen bei Ernst Rowohlt, und emigrierte als linker Gegner der Nationalsozialisten 1933 zunächst nach Wien, dann 1938 in die Schweiz, von dort 1941 nach Brasilien, schließlich 1944 nach New York. 1948 kehrte er nach Wien zurück und ließ sich 1954 endgültig in Basel nieder. Sein größter Erfolg als Dramatiker war das antifaschistische Possenspiel „Der Bockerer“ (1948); manche seiner Dramen fanden den Weg ins Fernsehen, ohne dass ihnen dauerhafter Erfolg beschieden gewesen wäre. Als Erzähler hat Ulrich Becher im Rowohlt Verlag ein stattliches Werk vorgelegt; der Aufbau-Verlag verbreitete die Bücher des erklärten Sozialisten in Lizenzausgaben in der DDR. Im Jahr 1989, kurz vor dem Tode Bechers 1990, erschien sein umfangreicher Briefwechsel mit George Grosz, dessen Schüler er in Berlin gewesen war und mit dem ihn lebenslang eine auch politisch spannungsvolle Freundschaft verband.

          Man merkt es dem Erzähler an, dass er bei Grosz in die Schule gegangen ist: Satirisch übersteigerte Milieustudien, ins Groteske verzeichnete Sozialcharaktere, ein entschiedener Blick fürs Abseitige und Skurrile im Alltäglichen verleihen seiner Prosa einen Charme, den man sozial-infernalisch nennen könnte. Er entfaltet sich aufs Herrlichste in der 1969 erschienenen „Murmeljagd“, seinem erfolgreichsten Roman, dem siebenhundert Seiten umfassenden Bericht über die seelische Höllenfahrt, die der österreichische Schriftsteller Albert Trebla im Sommer 1938 im ersten Monat seines Schweizer Exils absolviert. Er vollführt sie mit erstaunlicher Heiterkeit, weil er sich – und auch hierin erweist sich die Nähe zu George Grosz – bereits mit dem ersten Satz des Romans alle Sentimentalitäten verbietet: „Wissen Sie, gnädige Frau, es hat wirklich gar keinen Sinn, sentimental zu sein.“ Das ist ein Satz aus einem Kasperlespiel; Trebla zitiert ihn, um seiner Frau über die eben eingetroffene Nachricht, dass sein bester Freund im KZ Dachau ermordet worden sei, hinwegzuhelfen. Diesen Satz macht er zur Maxime seines Erzählens.

          Ab in die Schweiz

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