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Ulf Geyersbach: Machandls Gabe : Was ist denn das für ein Parfum, Meister?

Bild: Arche

Die vielen Hinweise auf Speisen „á l'allemande“ bieten reichlich Gelegenheit für eine abenteuernde Fabel über die Entstehung des Küchenwissens. Diese Chance hat Ulf Geyersbach nun ergriffen.

          Der Erfolg von Patrick Süskinds „Parfum“ hat eine tiefe Spur durch die deutsche Literatur gezogen. Viele Schriftsteller, darunter Talente wie Robert Schneider (“Schlafes Bruder“) und Helmut Krausser (“Melodien“), haben ihr erzählerisches Korn in diese Furche geworfen, auf dass es Wurzeln treibe, aber keiner hat dabei so üppige Ernten eingefahren wie der Erfinder des Geruchsgenies Jean-Baptiste Grenouille. Dennoch wirkt Süskinds Beispiel weiter, und sei es in den populären Kostümromanen einer Tanja Kinkel, deren kumulierte Auflage an die des „Parfums“ knapp heranreicht. Noch kein Autor aber hat seine Geschichte so eng an dem Bestseller von 1985 entlanggeschrieben wie Ulf Geyersbach mit „Machandels Gabe“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Geyersbach, freier Journalist und Verfasser einer vielgepriesenen Céline-Biographie, will den Helden seines Romans in einem Band von 1814 entdeckt haben, Antoine Beauvilliers' „L'art du cuisinier“. Tatsächlich findet man das Buch in den Bibliotheken, es ist sogar ein Klassiker der Kochkunst, nur von einem Ignaz Machandel ist darin nirgends die Rede. Dafür gibt es um so mehr Hinweise auf Speisen „à l'allemande“ wie Schafshirn, Hecht oder Pilzsoße, so dass sich einem phantasiebegabten Menschenhirn reichlich Gelegenheit für eine abenteuernde Fabel über die Entstehung jenes Küchenwissens bietet. Diese Chance hat Geyersbach ergriffen.

          Der Fetisch mit dem Holzlöffel

          Sein Machandel wird zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution in eine Tagelöhnerfamilie in der Niederlausitz hineingeboren. Kleinwüchsig, bucklig und menschenscheu - sein Fetisch ist ein Holzlöffel, mit dem er alles betastet, was in seine Nähe kommt -, wird der Knabe nach dem Tod seiner Eltern vom Dorfpfarrer ins Kloster Neuzelle geschickt, wo er dem Küchenbruder zur Hand gehen darf. Nachdem er bei der schönen Wirtstochter Gabriela die Freuden kalorienfreier Kulinarik gekostet hat, löst er zum Erntedankfest 1786 mit einem in Birnensaft gekochten Huhn eine Massenorgie aus. Während Mönche und Bauersleut' im Rausch übereinander herfallen, packt Machandel sein Bündel und geht nach Paris, um bei dem Königlichen Hofkoch Baffour seine Kenntnisse zu vervollkommnen.

          Geyersbach hat, wie man sieht, die erzählerische Ordnung des „Parfums“ umgekehrt. Den kollektiven Sinnenrausch, in dem Süskinds Roman gipfelt, setzt er an den Anfang, die Stadt Paris, von der Grenouilles Geschichte ihren Ausgang nahm, ans Ende, während der Mittelteil, die Wanderung übers Land, zum Intermezzo zusammenschnurrt. Von Selbstfindung durch Einsamkeit kann bei Ignaz Machandel keine Rede sein, obwohl er am gleichen Identitätsproblem laboriert wie sein Vorbild: „Er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, wie er wohl schmeckte. Hatte er denn das Recht auf ein spezifisches Aroma?“ Grenouille konnte sich nicht riechen, Machandel kann sich nicht schmecken, was, wie bei Süskind, zu dramatischen Suchbewegungen Anlass böte. Geyersbach aber lässt die Psychopathologie seiner Figur ungenutzt, als hätte er sie nicht genügend durchdacht.

          Die Lautsprache des Schmeckens

          Bücher, die vom Schmecken handeln, sind Einladungen zu sprachlicher Schwelgerei. Doch auch davon macht der debütierende Romancier Geyersbach nur halbherzig Gebrauch. Zwar hat der Verlag keinen Geringeren als Martin Mosebach aufgeboten, um seinem Autor auf dem Buchumschlag bescheinigen zu lassen, er entwerfe „eine Kochkunst, die alle Molekular-Köche erbleichen lassen müsste“, aber in der Prosa des derart Gelobten sucht man diese Kunst vergebens.

          Dass „Trüffel seufzten“, „Maibutter stöhnte“, dass „das Äquivalent von zwölf Boisseaux Haselnüssen in einem Sack beleidigt vor sich hin schwieg“ und Machandels Haut „in Praseodymgelb“ aufleuchtet, ist ungefähr das Äußerste an Beschreibungsexzess, zu dem Geyersbach sich aufschwingt. Will er hingegen im engeren Sinn Körperliches schildern, greift er in den Geleetopf der Boulevard-Belletristik: „Jede Faser ihres Körpers forderte ihn auf, sich in ihre Arme zu stürzen.“ Oft ist sein historisierender Ton auch nur eine Mischung aus Ungeschick und Flapsigkeit: „Niemand verfiel auf die Idee, seinen hinkenden Fuß und sein Stottern für eine Simulation zu halten, die es nun einmal war.“

          Die Mark des Todes während der Revolution

          Obwohl der Roman stilistisch wie syntaktisch auf so unsicheren Füßen geht, kommt er mit Machandels Ankunft in Frankreich doch in Schwung. Während der Buckelmann durch List und Können zum Faktotum seines Idols Baffour aufsteigt, tobt in Paris der jakobinische Terror, und auch Köche verlieren ihren Kopf; aus einem von ihnen zieht Machandel das Mark des Todes heraus, die „bouillon absolu“. Und wieder breiten sich die Aromen des „Parfums“ in der Geschichte aus, sei es in der Rivalität zwischen Baffour und seinem Gehilfen (die den Bonaparte-Clan ebenso bereitwillig bekochen wie die Bourbonen), sei es in der Liebesgeschichte zwischen Machandel und Lucette, der Tochter des Maître, in der sich das Beauty-and-the-Beast-Motiv aus Süskinds Roman spiegelt.

          Doch dann, ganz plötzlich, gerät die Erzählung ins Stocken, Zeiten und Perspektiven geraten durcheinander, die letzten Wendungen der Handlung wirken wie abgespult. Geyersbach, das ist klar, muss irgendwie von der Tragödie seines Helden zu dem Kochbuch gelangen, das den Roman inspiriert hat, aber wie er das tut, verrät mehr über die Schwierigkeiten eines Debütanten mit seinem Stoff als über die Möglichkeiten historischen Erzählens.

          Es offenbart aber auch einiges über die ökonomischen Zwänge, in denen selbst ein renommierter Verlag wie die Züricher Arche gefangen ist, wenn ein Buch wie dieses in einer letztlich unfertigen Version in Druck geht. Ein gründlicheres Lektorat hätte aus „Machandels Gabe“ sicher keinen großen, aber einen akzeptablen Roman machen können. So aber kann man nur bedauern, dass Geyersbach seinen literarischen Erstling zu früh aus der Hand gegeben hat. Über „Machandel“ schwebt der Duft des „Parfums“, aber ohne eine Spur seiner Kraft.

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