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Hengameh Yaghoobifarahs Roman : So hyper wie lange nicht

Hengameh Yaghoobifarah Bild: Tarek Mohamed Mawad

Mehr als eine Geschichte: Hengameh Yaghoobifarahs Debütroman „Ministerium der Träume“ steht unter Hochspannung. Eine Kolumne der nicht-binären Autorin über die Polizei hatte im vergangenen Jahr eine heftige Kontroverse ausgelöst.

          7 Min.

          Zwei Schwestern, Anfang der achtziger Jahre in Lübeck, die jüngere ist gerade eingeschult worden, die andere etwas älter. Ihre Mutter versteinert in Trauer und verzweifelter Selbstbehauptung – weil der Vater, der seine Familie nach Deutschland vorausgeschickt hatte, aber noch in Teheran geblieben ist, hingerichtet wurde. Das haben die drei anderen gerade erfahren, und jetzt sitzt die überlebende Familie Behzadi in einer winzigen Wohnung voller Möbel vom Flohmarkt in Norddeutschland und versucht, irgendwie klarzukommen.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Mutter versteckt sich vor dem laufenden Fernseher. Oder hört Musik und weint dabei. Die Schwestern beißen die Zähne zusammen. Einmal dann kommt die ältere, Nasrin, ins Zimmer zur jüngeren, Nushin, die mit billigen, geschenkten Buntstiften Bilder ihrer Familie zeichnet. Und immer wieder die gleichen, geschwungenen Bögen aufs Papier presst.

          Habt ihr einen neuen Buchstaben gelernt, fragt Nasrin. Was meinst du, antwortet Nushin. „Ich dachte, du hast das M gelernt und übst gerade“, sagt Nasrin. „Das sind doch keine Ms!“, sagt Nushin, während sie weiter den Stift aufs Papier presst, Bogen um Bogen. „Das sind Vögel!“

          Achtundachtzig Seiten sind an dieser Stelle schon im Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah vergangen, der „Ministerium der Träume“ heißt. Die Geschichte hat bis hierhin schon Ortswechsel (Teheran, Lübeck, Berlin) und Zeitsprünge (1981, 1983, 1984, die Zehnerjahre) erlebt und wird, im Verlauf der dramatischen Ereignisse, noch weitere Stationen sehen: vor allem das Lübeck der frühen Neunziger, als in der gerade wiedervereinten Bundesrepublik rassistische Mordanschläge und Übergriffe auf Migrantinnen und Migranten sich häuften.

          Aber in dieser kurzen Szene – zwei geflüchtete Mädchen, die eine zeichnet Zeichen von Dingen, die sie fürchtet, Vögel zum Beispiel, die andere versucht, diese Zeichen zu entziffern und zu verstehen – kommt zusammen, was den Roman ausmacht, antreibt, umtreibt: das Trauma von Flucht, Gewalt und heimatlosem Alltag an einem neuen Ort, der nicht zum Zuhause wird. Dann die Dysfunktionalität einer Familie, die sich aneinanderklammert, obwohl es die Mutter und ihre Töchter in ihrem Schmerz auseinandertreibt, und auch in der Frage, wie sie auf das Land sehen, in das sie geflüchtet sind: Die Mutter fordert Dankbarkeit und Wohlverhalten ein, die Töchter packt immer wieder die Wut der Zurücksetzung.

          Welche Zeichen die Welt beschreiben

          Und dann, vor allem, und das ist, was diesen Roman beispielhaft macht: eine bis auf Gestalt und Wirkung von Buchstaben reichende Auseinandersetzung mit den Zeichen, die eine Beschreibung der Welt ermöglichen – und mit der Frage, ob die Buchstaben des Alphabets, ob Codes und Idiome und Dialekte dazu noch ausreichen oder nicht permanent erweitert werden müssen, um alle unterschiedlichen Erfahrungen zu erfassen, mitteilbar und entzifferbar zu machen.

          Die Antwort gibt Hengameh Yaghoobifarah nicht allein in diesem Roman, sondern mit diesem Roman: der eine Geschichte erzählt und gleichzeitig reflektiert, wie sie erzählt wird. Der mit literarischer Sprache erst mal Verhältnisse öffnet, damit man von ihnen lesen kann, sogar im Lesesessel bei einer Tasse Tee, sozusagen. Eine Buchsprache, die diskriminierende Erfahrungen markiert und dabei überwindet, die anprangert, aber auch eine Handlung erzeugt und zusammenhalten will.

          Im Text, der daraus entsteht, arbeiten die Ebenen oft unmittelbar nebeneinander und gegeneinander: Beschreibung von Schauplätzen („Auf dem Volksfestplatz war Jahrmarkt“) und das, was man Jugendsprache nennt („Wir fanden Volksfest panne, aber irgendwie auch geil“). Songzitate („If you’re looking for devotion, talk to me“). Importierte englische Idiome („ich war so hyper wie lange nicht“) und kommentierende Pointen („In einer Welt, die in ihrem Kern haram war, konnte kein Leben halal sein. Schweinefleisch hätte trotzdem keiner von uns angerührt. Wir waren auf Adorno hängengeblieben, aber eben nicht konsequent genug.“). Metaphorisierung („Der Klang seiner Stimme kratzte etwas in mir wie ein Rubbellos auf.“) und Kolumnismus („Obst sollte aufhören, sich als Nachtisch zu inszenieren.“). Lakonische, bittere Selbstironie („Wir waren nie die coolen Leute.“) gegen die kalte Verachtung der Rassisten („Augen nach vorne, Kümmelfotze.“).

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