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: Über das Grauen zum Glauben

  • Aktualisiert am

Das Interesse am Religiösen beherrscht die Debatte und erhitzt die Gemüter. Als kühlende Kur sei empfohlen, sich einem großen Gläubigen des vergangenen Jahrhunderts zuzuwenden: Von Julien Green, dem 1998 verstorbenen amerikanisch-französischen Katholiken, bringt Hanser mit "Fremdling auf Erden" vier ...

          Das Interesse am Religiösen beherrscht die Debatte und erhitzt die Gemüter. Als kühlende Kur sei empfohlen, sich einem großen Gläubigen des vergangenen Jahrhunderts zuzuwenden: Von Julien Green, dem 1998 verstorbenen amerikanisch-französischen Katholiken, bringt Hanser mit "Fremdling auf Erden" vier frühe Erzählungen heraus, die bereits Themenspektrum und Erzählkunst des späteren Werks ankündigen. Die Texte erschienen seit 1924 in Zeitschriften und wurden 1930 gesammelt veröffentlicht; sie liegen nun erstmals auf Deutsch vor in der überzeugenden Übersetzung von Elisabeth Edl.

          Erbauliches freilich darf man nicht erwarten, schon in den ersten Zeilen nisten wohlig Gruseln und Schauern: Der Weg zum Glauben führt bei Green über das Grauen. Daniel O'Donovan, der "Fremdling", ist ein junger Mann, dessen Leiche im Herbst 1895 in Fairfax aus dem Fluss gefischt wird; er ist einen Felsen hinabgestürzt. Unfall oder Selbstmord? In der Folge erfährt man aus autobiographischen Notizen und Zeugenbriefen die Umstände des rätselhaften Todes: O'Donovan war Waise und ist bei Onkel und Tante in einer Kleinstadt der Südstaaten aufgewachsen. Ein unheimliches Haus, eine öde Kindheit; O'Donovan liest Schauerromane und verträumt seine Tage. Onkel und Tante, Atheist und Katholikin, versuchen sporadisch, ihm ihre Ideen zu implantieren, und lassen ihn ansonsten verwahrlosen. Mit dem Geld seines Großvaters reist er zum Studium nach Fairfax.

          Hier trennen sich die Versionen: O'Donovans Aufzeichnungen sprechen von Paul, einem mysteriösen Fremden, der sich auf dem Friedhof zeigt und bei ihm dann ein und aus geht. Die Vermieterin hat niemanden gesehen, der junge Mann wirkte verwirrt, führte Selbstgespräche - ein Geisteskranker. E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann" ist nicht fern, hier wie dort finden sich mysteriöse Heimsuchungen, innere Abgründe, die in einem tödlichen Sprung gipfeln, und vor allem ein offener Schluss. Green bietet dem Leser gleich einen Fächer an Optionen, er kann wählen zwischen der Schauerversion, der medizinisch-rationalen Erklärung und einer katholischen Deutung. Ist O'Donovan "von der Gnade heimgesucht" worden, die in der Seele eines Verrückten nicht anders wirken konnte als - verrückt?

          Der Ton ist gegeben, Greens Erzählungen schaffen eine unheimliche Welt, der man verfällt. Man steht vor gottverlassenen Anwesen und unter düsteren Tannen, betrachtet Teppiche mit bedrohlichen Bogenschützen und spürt den Albdruck finsterer Landschaften. Wie die Orte, so die Figuren, es sind enigmatische Wesen, die aus sich selbst nicht klug werden. Green aber bietet mehr als Pubertätsprobleme: Seine jungen Helden zerbrechen sich den Kopf über Begebenheiten, die nicht einfach unerhört sind im Sinne Goethes, sondern unverständlich. Die Nähe zur surrealistischen Erforschung des Unbewussten stellt der Autor selbst her, er zitiert die écriture automatique der Surrealisten.

          Nur weiß man nicht recht, ob für Green der verborgene Grund der Dinge göttlich ist oder schreckenerregend - oder beides zugleich. In "Leviathan" (1929) und anderen Romanen der Zwischenkriegszeit wird Green keinen Zweifel mehr daran lassen: Das Göttliche zieht sich zurück, ist nurmehr als Hintergrundfolie spürbar. Das ist ganz anders in "Die Schlüssel des Todes", der schönsten Erzählung. Diesmal findet sich der Leser im hitzeflirrenden Südfrankreich wieder, in der Haut des sechzehnjährigen Jean. Mit seiner Mutter und Odile, der verwaisten Tochter einer Cousine, bewohnt er ein Landgut; bei ihnen lebt Clément Jalon, ein entfernter Verwandter, der eines Tages einfach vor der Tür stand. Der Parasit wird geduldet, weil die Mutter fürchtet, dass er kompromittierende Briefe besitzen könnte. Zur diffusen Angst kommt Eifersucht, Odile und Jalon verstehen sich, ja flirten miteinander. Jean schaut ohnmächtig zu, seine Gedanken und Gefühle verwirren sich: Wie in seinen großen Romanen versteht Green es, die zwielichtigen Psycholabyrinthe seines Helden nachzuzeichnen, als ob er ein Fadenknäuel mit leichter Hand entwirrte.

          Jean plant den Mord. Wieder meldet sich das Grauen, eine geheimnisvolle Stimme leitet ihn: "Ich bin das Fleisch eines unsichtbaren Wesens, welches nicht duldet, dass ich ihm Widerstand leiste; es schreit." Ein zweiter, innerer Parasit sucht den ersten Nutznießer zu töten. Die Krise kulminiert in einer grandiosen Szene, die Anfang und Ende der Novelle rahmt: Sommerliche Fülle, Morbidität und Wahn verschmelzen zu einem düsteren Akkord, inspiriert von Igor Strawinskys "Feuervogel". Jean liegt im Gras und wartet auf seine Stunde, in der Ferne singt ein mähender Knecht: "Da, wo ich lag, war das Gras noch dicht und voll von jenen Blumen ohne Kraft und ohne Duft, die ein paar Tage in Wind und Sonne leben. Sie neigten sich über mein Gesicht, als wollten sie mich vor den Blicken des Schnitters bergen, aber beim kleinsten Lufthauch bebten und wogten sie in alle Richtungen." In wenigen Worten, extrem dichter Sprache ist die Lage zusammengefasst, ein Kreislauf aus Schuld und Verderben, den nur eine christliche Tat durchbrechen kann.

          Am Ende steht der Held an einem Grab und blickt auf das Kruzifix des Sarges, "und mir war, als könnte ich nie wieder die Augen abwenden von diesem Gott, der uns die Arme entgegenstreckt aus den Gräbern der Christen". Fremdheit, Furcht, Faszination: Religion ist Teil einer Welt, in der alle "Fremdlinge" sind. Erneut ist das Ende offen, denn der Leser blickt durch die widerwilligen Augen Jeans. Die Religion steht zwar im Zentrum, aber sie ist eine Option, kein Zwang. Sie ist Teil des Unheimlichen, das den Menschen bestimmt, nicht seine Lösung - das ist die tiefe Religiosität, die magische Moderne des Meistererzählers Green.

          NIKLAS BENDER

          Julien Green: "Fremdling auf Erden". Erzählungen. Aus dem Französischen übertragen von Elisabeth Edl. Mit einem Nachwort von Wolfgang Matz. Carl Hanser Verlag, München 2006. 180 S., geb., 17,90 [Euro].

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