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: Tromtata!

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Philosophiestudent und Schauspielschüler, Begleiter des Expressionismus in München und Berlin, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Pazifist und Emigrant mit anarchistischen Neigungen, Varietékünstler, Mitbegründer des Cabaret Voltaire in Zürich und Dadaist der ersten Stunde, schließlich strenger ...

          Philosophiestudent und Schauspielschüler, Begleiter des Expressionismus in München und Berlin, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Pazifist und Emigrant mit anarchistischen Neigungen, Varietékünstler, Mitbegründer des Cabaret Voltaire in Zürich und Dadaist der ersten Stunde, schließlich strenger Katholik mit einem Faible für die alten Mystiker und erster Biograph Hermann Hesses: Die Wendungen und Wandlungen in Hugo Balls Leben böten Stoff für gleich mehrere Biographien, doch war er gerade einmal vierzig Jahre alt, als er 1927 in seinem Rückzugsort Montagnola in der Schweiz starb.

          Gedichte schrieb Ball in jeder Phase dieses kurzen Lebens, mal mehr, mal weniger intensiv, zur Publikation eines eigenen Gedichtbandes hingegen kam es trotz mehrerer Anläufe nie. Was für ein Buch wäre das gewesen, fragt man sich bei der Lektüre seiner gesammelten Arbeiten - allerdings nicht wegen der relativ geringen Zahl von einhundertvierzig Gedichten, sondern wegen der stilistischen Richtungsänderungen, die den biographischen folgen und Balls lyrisches Werk in Teile zerfallen lassen, die man nur mit Mühe zusammenbringt.

          Ein Gedicht wie "Der Henker", mit dem Ball 1913 die Münchner Zensurbehörden auf den Plan rief und einen nicht unwillkommenen, weil durchaus werbewirksamen Prozess provozierte ("Mir rinnt geiler Brand an den Beinen herunter"), trennen Welten von Zeilen, die kaum mehr als vier Jahre später entstanden und einem vollkommen anderen, ja geradezu entgegengesetzten Dichtungsverständnis geschuldet scheinen: "Leise zerrinnet dein Leben / In einer liebenden Haft. / In die unendlichen Spiele / Der Sehnsucht bist du entrafft", raunt es da - und das Staunen wird noch größer, bedenkt man, dass in der Zeit dazwischen das Cabaret Voltaire und somit auch Hugo Ball die ersten dadaistischen Triumphe feierten. Eingerahmt werden diese Widersprüchlichkeiten von Balls tastenden, neoromantischen Anfangsversuchen und den nach dem Krieg und der Heimkehr zum Katholizismus entstandenen Gedichten, zu denen Thomas Kling einmal schrieb: "Den Mantel der Barmherzigkeit drüber. Licht aus; besser Licht aus."

          Seelische Trunkenheit.

          Zweifellos gibt es Dichter, deren ganzer Reichtum erst in einer Gesamtausgabe ersichtlich wird; ob man Ball mit einer Publikation aller seiner Arbeiten einen Gefallen tut, darf aber tatsächlich bezweifelt werden: Zu unterschiedlich ist der Erfolg seiner lyrischen Unternehmungen - bei aller Originalität, die selbst in den späten Gedichten immer wieder aufblitzt, bei aller Leidenschaft, die in jeder Zeile spürbar bleibt. Er leide "an einer continuierlichen seelischen Betrunkenheit", konstatiert Ball 1916 in einem Brief und spielt damit auf Baudelaire und dessen Spleen von Paris an.

          Baudelaire (nach dem Ball später in der Schweiz eine seiner geliebten Katzen benannte) beeinflusste ihn früh, wie auch Rimbaud und Mallarmé, dessen Gedicht "Les fleurs" er eine deutsche Gestalt zu geben versuchte. An der Bewegung der Expressionisten, zu deren literarischen Paten ebenjene französischen Dichter gehörten, nahm er regen Anteil. Titel wie "Der Gott des Morgens" lassen an Georg Heym denken, auch Johannes R. Becher schätzte er sehr. Doch viele der expressionistischen Gedichte Balls verblüffen auch durch ganz eigene, so frische wie komische Bildfindungen: "Meine Stiefel ragen am Horizont empor wie die Türme einer / Versinkenden Stadt. Ich bin der Riese Goliath. Ich verdaue Ziegenkäse. / Ich bin ein Mammuthkälbchen, Grüne Grasigel schnüffeln an mir."

          Gemeinsam mit dem Freund Hans Leybold schuf Ball in seinen Berliner Jahren eine Reihe von Gedichten, die der Nachwelt unter dem Pseudonym "Ha-Hu-Baley" erhalten geblieben sind, einer launigen Synthese der Namen beider Verfasser. Die Baley-Gedichte erschienen zwar in der expressionistischen Zeitschrift "Die Aktion", hoben sich aber in stilistischer Hinsicht von ihrem Umfeld ab; vieles in ihnen weist bereits auf die bevorstehende Gründung von Dada und "eine rein assoziative Kunst" hin, wie sie Ball vorschwebte, so ihr Faible für den collagierten Nonsens: "O du mein Hyazinth, die Wade knackte / Und Rolf, der Mops, fraß jäh das Strumpfband auf. / Nach Grammophonen in dem Twosteptakte / Vollzog sich Notdurft Coitus und Lebenslauf."

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