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: Tristesse und Glorie der Straße

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Ich mochte Amerika sofort", hat Charles Simic einmal bekannt: "Es war schrecklich hässlich und schön auf einmal." Das war offenbar die Initiation des sechzehnjährigen Immigranten, der eine Belgrader Kriegskindheit hinter sich hatte und vor sich die Verheißung einer Neuen Welt, in der alles möglich ...

          Ich mochte Amerika sofort", hat Charles Simic einmal bekannt: "Es war schrecklich hässlich und schön auf einmal." Das war offenbar die Initiation des sechzehnjährigen Immigranten, der eine Belgrader Kriegskindheit hinter sich hatte und vor sich die Verheißung einer Neuen Welt, in der alles möglich scheint - eben auch jene enorme literarische Karriere, die Simic 1990 zum Pulitzerpreis führte und jüngst auf den Posten des Poet Laureate der Vereinigten Staaten.

          Dass er seine Muttersprache aufgab und amerikanisch schreibt, dafür liefert Simic eine Erklärung, die auf den ersten Blick entwaffnend naiv wirkt: "Als ich 1955 mit dem Dichten begann, waren alle Mädchen, denen ich meine Gedichte zeigen wollte, Amerikanerinnen. Und schon hatte es mich erwischt. Ich konnte nie mehr in meiner Muttersprache schreiben." Kein Scherz ohne tiefere Bedeutung. Simic wollte seine Gedichte nicht bloß den Mädchen zeigen, sondern einem größeren Publikum. Er blieb fleißig und wurde populär. Seine Gedichte füllen in den Originalausgaben etwa zwanzig Bände; und ein jedes von ihnen ist - nach des Autors Worten - eine Einladung zu einer Reise: "Wie im Leben reisen wir, um frische Ansichten zu sehen."

          Hans Magnus Enzensberger, der Simic für den deutschen Sprachraum entdeckt und als Erster übersetzt hat, formulierte, was diese Lyrik so lebensvoll macht: "Seine Poesie", so schrieb er 1993 zu "Ein Buch von Göttern und Teufeln", "ist durch und durch vom amerikanischen Alltag getränkt, von der Tristesse und der Glorie der Straße." Simic liebt die Straßenszenen New Yorks. In "Grübelei im Rinnstein" (2000) werden sie ihm zu Epiphanien, die das Gewöhnliche geheimnisvoll machen. Ihm genügen drei strickende Frauen, um die Parzen zu evozieren. Der Schurz eines Metzgers ist die Karte der großen Kontinente des Blutes; eine Unbekannte, die ihm eine Semmel in die Hand drückt, wird zur Botin geheimen Wissens - die Weltstadt als Pandämonium.

          In der von Wiebke Meier übersetzten neuen Auswahl "Mein lautloses Gefolge" erscheint der Dichter selbst als Anführer seiner Figuren: "Sie waren wie ein diskretes Gefolge / aus heimischen Engeln und Dämonen, / Die ich alle schon früher getroffen / Und seither fast vergessen hatte." In seinem "Selbstporträt im Bett" hält der Dichter für seine imaginären Besucher einen Stuhl bereit, "einen Stuhl aus Rattan, den ich im Sperrmüll fand". Das soll heißen: Unser Guru ist alles andere als elitär. Freilich hat dieser Stuhl Eigenheiten, die nicht jedem gefallen dürften: "Da, wo früher der Sitz war, war ein Loch, / Seine Beine wackelten, / Aber er sah immer noch würdevoll aus." Und der Dichter? Bei genauerer Betrachtung ist er nicht sonderlich auskunftsfreudig. Wir finden ihn, eine dicke Wollmütze über den Ohren, bei russischer Lektüre im Bett.

          Umso erstaunlicher, dass Simic nun mit einem Buch kommt, das die denkbar gründlichste Aufklärung unserer Neugier verspricht. Unter dem Titel "Die Wahrnehmung des Dichters" handelt es von "Poesie und Wirklichkeit". Simic kokettiert ein wenig mit der Schwellenangst vor poetologischen Essays: "Wenn niemand mehr Dichtung liest, wie anscheinend sogar Leute meinen, die es besser wissen müssten, wer schert sich denn noch darum, Bücher über Dichtung zu lesen?" Wer auf diese Reservatio trifft, hat das Buch schon aufgeschlagen und sich festgelesen.

          Es ist ein überaus erfrischendes Buch, ein kulinarisches Potpourri. Thomas Poiss hat es aus amerikanischen Ausgaben zusammengestellt und Texte, die bereits auf Deutsch vorlagen, neu übersetzt. Der Leser erfährt nicht bloß eine Menge über Poesie, sondern liest auch kluge und erinnerungsgesättigte Analysen über das vergangene Jugoslawien. Mehr noch: Simic ist auch ein verführerischer Gastrosoph. Ich habe noch nie so Schönes über Würste gelesen, nichts so Appetitanregendes über Tomaten. Die "Romanze in Wurst" lockt uns mit essbarer Poesie und macht uns - gegen alle Bedenken über Cholesterin-Werte - geneigt, dem Verein A.A.A.A.A. beizutreten, der "Association amicale des amateurs d'andoillettes authentiques". Und "Zerquetsch nicht die Tomaten!" ist mehr als ein freundschaftlicher Rat, es ist die Hymne über eine Frucht, deren aztekische Wurzel "toma-tl", das pralle Ding, auf den Liebesapfel führt.

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