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: Trifft ein toter Esel auf Jan Assmann

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Flaubert interessierte sich in Ägypten mehr für das Hässliche und Kranke, Monströse und Groteske als für das archäologisch Schöne und ganz besonders auch für Negersklavinnen, Tänzerinnen und Kurtisanen. Mann bleibt Mann, Europäer Europäer, auch wenn er den Orientalismus der Bürger noch so verachtet.

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          Flaubert interessierte sich in Ägypten mehr für das Hässliche und Kranke, Monströse und Groteske als für das archäologisch Schöne und ganz besonders auch für Negersklavinnen, Tänzerinnen und Kurtisanen. Mann bleibt Mann, Europäer Europäer, auch wenn er den Orientalismus der Bürger noch so verachtet. Barbara Frischmuth reiste als österreichische Schriftstellerin, postkoloniale Orientalistin und postfeministische Frau nach Ägypten, und auch sie mied die ausgetretenen Pfade des Tourismus: "Man muss schauen können, wenn man etwas sehen will."

          Flaubert zeigte auch in Ägypten eine an Teilnahmslosigkeit grenzende Impassibilité, den männlich-urbanen Zynismus des Pariser Flaneurs, Frischmuth die aufmerksame Einfühlung und weibliche Sensibilität einer "Ehrenpreisträgerin des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln". In einem Punkte aber sind sich beide einig: Ägypten lässt sich nur über die Lebenden, nicht über die Toten und ihre Katakomben begreifen. Frischmuth zitiert als Motto Flauberts Bemerkung, er habe in Ägypten die Manie entwickelt, zu jedem Passanten eine Lebensgeschichte, einen Roman zu entwerfen. So will auch sie in den Geschichten der Frauen, denen sie (oder genauer: ihr ziemlich verwechselbares Alter Ego Valerie Kutzer) in den Clubs und Cafés von Kairo begegnete, ägyptische Geschichte von Hatschepsut und Nofretete bis heute erzählen.

          Kairo ist ein uraltes Haus: verfallen, hundertfach übermalt, für Fremde kaum begehbar. "Vergiss Ägypten, wenn du über Ägypten schreiben willst", sagt Valeries Freundin Lamis gleich zur Begrüßung: "Denk lieber an die Ägypter." An einen denkt Valerie immer noch: Abbas, den Ingenieurstudenten, in den sie sich als siebzehnjährige Klosterschülerin in Wien verliebte. Er ist so unvergessen, dass sie alle Ägypter Abbas nennt und in allen Männern Spuren des einen zu finden hofft. Der Kunstgriff nervt, die mädchenhafte Schwärmerei auch; aber all die Abbas-Geschichten, die Freundinnen und Bekannte erzählen (Männer kommen nur selten zu Wort), sind eben auch verpasste oder verworfene Lebensentwürfe, die unerfüllten Träume und Albträume Valeries.

          Es waren Frauen wie sie, zumeist Österreicherinnen mit bildungsbürgerlichem Hintergrund: Kunsthistorikerinnen, Lehrerinnen, Lektorinnen, die ihren Abbassen in den sechziger Jahren aus Liebe, Neugier oder Abenteuerlust nach Ägypten folgten, auf Händen getragen oder misshandelt wurden und heute im Club der alten Heimat nachtrauern oder das Kopftuch tragen, über die Schamlosigkeit der europäischen Kultur klagen und bei Botschaftsempfängen das Büfett plündern, weil keine Europäerin auf die Dauer in "ägyptischen Verhältnissen" leben kann. "Ab einem gewissen Alter sind die Lieben alle gelebt. Man lässt sich auf die Vergangenheit ein und stochert wie die Lumpensammler auf den Müllbergen von Kairo in den nicht aufgegangenen Geschichten ohne Mitte herum. Mit langem Ibisschnabel, der möglichst weit hineinreicht in all das Abgelegte, Abgenagte und Abgelebte, das da in der Sonne bleicht." Der Untertitel "Reiseroman" führt ein wenig in die Irre. Natürlich ist "Vergiss Ägypten" mehr Reisefeuilleton als Karl-May-Roman: ein "Narrenkästchen" voll von Porträts und Geschichten, das man durchaus auch als Reiseführer für Kairo lesen kann. Hellwach, kenntnisreich, auch unterhaltsam und ironisch erzählt eine Beobachterin, die mehr als Touristin und weniger als Ägyptologin unterwegs ist, was ihr bei ihrem fünften Ägyptenbesuch auf- und einfiel. Das kann ein toter Esel auf der Straße sein, eine Sykomore oder ein Satz von Jan Assmann, Museen, Moscheen und Mausoleen abseits der touristischen Routen, das neue Parkhaus, wo einmal ein Feenpalast war, die Kopftücher und Schleier, wo einmal Miniröcke und Pariser Chic waren.

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