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: Treibt es wie die Seegurken!

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Es war kein Mord, wie ihn jeder begeht, es war einer der berühmtesten Morde der Wissenschaftsgeschichte. Der ihn beging, Charles Darwin, zielte mit seinem ganz persönlichen Mord auf den Glauben, daß Gott die Welt erschaffen habe. Seine Abhandlung über "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" ...

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          Es war kein Mord, wie ihn jeder begeht, es war einer der berühmtesten Morde der Wissenschaftsgeschichte. Der ihn beging, Charles Darwin, zielte mit seinem ganz persönlichen Mord auf den Glauben, daß Gott die Welt erschaffen habe. Seine Abhandlung über "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" (1859) erschütterte das christliche Weltbild - und Darwin, dies wohl wissend, wählte deshalb für seine Einsichten in die Natur der Evolution diesen drastischen Vergleich. Sein berühmtes Diktum "Confessing a Murder" ist der Originaltitel des 2002 in England erschienenen ersten Romans des englisch-australischen Zoologen und Publizisten Nicholas Drayson. Daß daraus in der deutschen Übersetzung "Der goldene Skarabäus" wurde, läßt die Sache biedermeierlicher klingen, als sie ist.

          Darwin hatte das Pech, daß seine Theorie annähernd zeitgleich noch einmal entdeckt wurde: Alfred Russell Wallace schickte 1858 seinen Essay "Über die Tendenz der Varietäten, unbegrenzt vom Original-Typus abzuweichen" an Darwin, die er unabhängig von diesem auf einer indonesischen Insel entwickelt hatte. Darwin, der sich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte mit sich und seiner Theorie quälte, wollte zwar Wallace' Leistung keineswegs in Abrede stellen, aber doch auf dem Markt der Ideen der erste sein. Im Jahr darauf veröffentlichte er eilig eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Thesen. Im Vorwort nannte er seine Skizze "äußerst unvollkommen" - die Phantasie müsse sehr "weite Lücken ausfüllen".

          Nicholas Drayson hat sich dieser Phantasie hingegeben und erfindet in seinem Debüt einen namenlos bleibenden Erzähler, der im Lauf seines abenteuerlichen Lebens sowohl Darwin als auch Wallace auf die Sprünge geholfen haben will. Eingekleidet ist diese Geschichte in die alte, von der Postmoderne immer wieder gern genommene und inzwischen wieder in die Jahre gekommene Konstruktion einer Herausgeberfiktion. Und so kommt das Memoirenwerk des Erzählers von einer einsamen Insel via Flaschenpost in die westliche Zivilisation. Das Manuskript des Buches soll, so will es die akademische Vorrede, erst 1988 in Groningen aufgetaucht sein, verfaßt von einem unbekannten Schulfreund Darwins.

          Der Lebensroman dieses Freundes vermischt - erzählerisch wenig überzeugend - Memoirenwerk, Naturbeschreibung und Wissenschaftsgeschichte aus der Zeit von Lamarck, Malthus und Huxley. Englische Provinz, erstes Drittel des 19. Jahrhunderts: Das Waisenkind mit dem kalten Herzen, das die Liebe nicht zu kennen glaubt, hat ominöse Treuhänder, die für die Erziehung des dem männlichen Geschlecht zugeneigten Knaben aufkommen. Über den Klassenkameraden Charles Darwin, den er "Bobby" nennt, lernt der Jüngling die Fallstricke des Familienlebens kennen; die Leidenschaft für das Käfersammeln teilen beide.

          Eine Vernunftehe mit Charles' (real existierender) Cousine Emma wird aus Gründen, die erst viel später aufgeklärt werden, rundheraus verweigert: Emma ist aufgrund verzwickter Seitensprünge ihres Vaters eine Schwester des Möchtegern-Bräutigams. Ausgestattet mit einer großzügigen Appanage und der Auflage, England nie mehr zu betreten, verläßt der junge Mann seine Heimat. In Australien steigt er zum Handelsherren auf, erschließt sich die kaufmännischen Jagdgründe Südostasiens und bleibt stets ein leidenschaftlicher Naturforscher und akribischer Diarist. Daheim wird Emma Charles heiraten und mit ihm (ganz antievolutionär) viele Kinder haben; Charles wird angelegentlich einer Zwischenlandung in Australien den Erzähler wieder treffen und ihm per Brieffreundschaft verbunden bleiben.

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