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: Traumdeuterchens Mondfahrt

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Christian Schloyers Gedichte lesen sich wie ein Exerzitium in romantischer Magie. Ihr ebenso ernsthaft wie augenzwinkernd erklärtes Ziel ist nichts Geringeres als das wiedergefundene Paradies einer vorsprachlichen Unschuld. Der Klappentext kündigt an, "unsere ungeheuerliche Sprachmatrix durchstoßen ...

          Christian Schloyers Gedichte lesen sich wie ein Exerzitium in romantischer Magie. Ihr ebenso ernsthaft wie augenzwinkernd erklärtes Ziel ist nichts Geringeres als das wiedergefundene Paradies einer vorsprachlichen Unschuld. Der Klappentext kündigt an, "unsere ungeheuerliche Sprachmatrix durchstoßen zu wollen, um nach einem Dahinter zu forschen", womöglich einem "Eden am Urgrund der Sprache". Das ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was hier unternommen wird. Wie der Titel, so setzt auch der Text selbst mit der Spieluhr ein; ihr gilt das erste Wort. Und wer weiterliest, muss sich bald auf einen Drehwurm gefasst machen.

          In lakonischer Verknappung resümiert dieser Titel Schloyers postromantische Poetik. Nicht nur die Kombinationen "Spieluhr" und "Urmeer" sind ja in der Trias "spiel · ur · meere" enthalten, sondern auch die traumhafte und irgendwie triftige Verbindung der beiden himmelweit verschiedenen Bereiche zu etwas, das erst dank dieser Kombinatorik vor unseren Augen entsteht, Spielu(h)rmeeren eben. Wie bei Novalis der "Zauberstab der Analogie" und bei Eichendorff die Wünschelrute des poetischen Zauberworts, so soll hier die postmoderne Sprachspieluhr den Zugang öffnen zu den verschütteten Urmeeren unterhalb der Zeichen - und muss doch befangen bleiben in der unendlichen Kreisbewegung der Selbstreflexion.

          Gerade darum aber beschreiben die Gedichte immer neue Auf- und Ausbruchsversuche, und der Reichtum ihrer Motiveinfälle ist beträchtlich. Wie "urzeittierchen" tauchen sie hinab in die "ursuppe", bewegen sich passagenweise wie "ein gehen / auf grund war da ein grund" und gehen, einem weiteren romantischen Signalwort folgend, hinein in "eine zweite fremdere bläue". Fortwährend gleiten in diesen Wortspielen und Sprachbewegungen innen und außen, oben und unten ineinander über, und "Bildanmerkungen" in Fußnoten verweisen über Schrift und Klang hinaus auf Gemälde; in einem Gedicht "an den angler in monets bildern" mündet der "fluss vom himmel / ins meer".

          Als "traumdeuterchens mondfahrt" ist das poetische Protokoll einer lyrischen Reise überschrieben, die am entschiedensten unter den doppelten Auspizien von romantischer Kindlichkeit und romantische Ironie unternommen wird, angefangen mit dieser aus Freud und Märchenwelt kombinierten Überschrift. Führen soll sie "ins jenseits / beschlagener spiegel"; doch die Suche nach der Welt hinter den Sprachwänden führt im Kreis. Die Antwort auf die bange Kinderfrage: "papa? was machen wir wenn wir von / innen / an den mond stoßen" - sie lautet hier: "peterchen peterchen der / mond! / ist sackgasse wie jede andere auch". So endet die Himmelfahrt, wie sie begonnen hat: in der Immanenz. Denn so suggestiv hier von Traum, Märchen und Mysterien die Rede ist, von Seelen- oder Schamanenwanderungen, so entschieden bleibt dies alles ein Sprachgeschehen; sein Schauplatz ist die Schrift. Was immer hier geschieht, es steht im Bann der Zahlen und Figuren.

          In dieser Zeichenwelt aber bewegen Schloyers Texte sich mit tänzerischer, manchmal fast zu reibungsloser Grazie. Sie nutzen jede Gelegenheit, Mehrdeutigkeiten zu erzeugen, vom Kalauer bis zum verblüffenden Zeilenbruch. Sie erfinden so klangvolle Sätze wie "geduldig warten in japan / an ampeln die aaskrähn", eine makabre Sprachetüde in A, bilden neue Komposita wie "frausternbauch" oder "sanftmottenes" und zerlegen schon vorhandene in ihre Bestandteile, um sie zu neuen Kombinationen freizugeben: "magnet · schwebe / blick, bahn".

          Und sie lieben jene zweideutige Figur, die in der Rhetorik "Apokoinu" heißt, also die doppelte Beziehbarkeit eines Elements im Satz. Verbindet sie sich mit einem seinerseits so beziehungsreichen Märchenmotiv wie dem sprechenden Butt aus dem Märchen Philipp Otto Runges, dann ergeben sich Kippfiguren wie diese: "als ich mich bei dir frisch / harpuniert vom jagdglück / der fischer erholte · das weißt du / sich nie von den wünschen der liebsten". Ziemlich peinlichkeitsfrei können dank dieser Vorkehrungen heikle romantische Schlüsselvokabeln wiederkehren. Da fallen nicht nur "sternschnuppen", sondern gleich auch ein "gefallener engel"; Lilienblüten öffnen sich und Feenflügel, und sogar "feenmärchen" werden wieder erzählbar, zum Beispiel von so erledigt geglaubten Gedichtmotiven wie dem "herbstblau zwischen den bäumen". Verspielt und immer etwas gespenstisch erklingt aus Schloyers Spieluhr eine "herz · kammer / musik"; nicht von ungefähr lässt sie manchmal an Celan denken und seine Dekonstruktionen des romantischen Vokabulars.

          Wenn das zierliche Maschinchen für einen Augenblick stillsteht, wird plötzlich ein Schauder spürbar, der aus dessen frühen Versen herüberweht: "wasche / die augen wasche den schlaf / aus dem haar". Gewiss, manchmal versandet der Einfallsreichtum in Marotten, gerät der Schabernack zur bloßen Allotria, schwingt der Wortmagier seinen Zauberstab etwas zu auffällig. In den gelungenen Augenblicken dieses Bandes aber verbinden sich postmoderne Poetik und romantische Sujets zu Traumtänzen von beträchtlicher Anmut.

          Christian Schloyer: "spiel · ur · meere". Gedichte. Kookbooks, Idstein 2007. 80 S., br., 15,90 [Euro].

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