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: Traumdenker

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Novalis, nach seinem Tod von Ludwig Tieck zu einem Träumer stilisiert, dessen ganzes Dasein sich um die Idee zentrierte, seiner Braut Sophie von Kühn nachzusterben, war in Wirklichkeit ein Bergbaubeamter, der sich noch einmal verliebte - in Julie von Charpentier - und seine Hauptwerke auch erst nach Sophies Tod schrieb.

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          Novalis, nach seinem Tod von Ludwig Tieck zu einem Träumer stilisiert, dessen ganzes Dasein sich um die Idee zentrierte, seiner Braut Sophie von Kühn nachzusterben, war in Wirklichkeit ein Bergbaubeamter, der sich noch einmal verliebte - in Julie von Charpentier - und seine Hauptwerke auch erst nach Sophies Tod schrieb. Sein Werk wirkte auf viele wie ein Spiegelkabinett. Novalis inspirierte die französischen Symbolisten und gilt vielen als Vorläufer moderner Dichtung. Er wurde von der Wandervogel-Bewegung mystifiziert und von Rudolf Steiners Anthroposophie zum Christuskünder ernannt, galt mal als Denker der Revolution, mal als Seher mystischer Erfahrung, als Vorbote der Postmoderne oder als Kronzeuge aller Alternativkulturen. Mit ihm verwandt fühlen sich alle unerfüllt Liebenden oder Todestrunkenen.

          Die Schriftstellerin Gisela Kraft lässt in ihrem Roman "Planet Novalis" den magischen Idealisten und hochintellektuellen Konstrukteur transzendentalpoetischer Gedankenräume mit einer Stimme sprechen, die uns fremd ist: "Mir ist unterm Ich ein tieferes Ich aufgegangen, von dem ich den väterlichen wie den fichtelichen Vorhang erst wegziehen musste, wie vor dem Bildnis zu Sais." Angestaubt oder gar schwerfällig wirkt das fein gearbeitete Ineinander von kleinen Szenen, Dialogen und Reflexionen jedoch nicht. Denn die Autorin schreibt bei aller Gedankentiefe abgeklärt und heiter, weil sie ihren Stoff beherrscht.

          Novalis und die Romantik sind für Gisela Kraft zum Lebensthema geworden. Denn jetzt beschließt die 1936 in Berlin geborene, heute in Weimar lebende Schriftstellerin ihre Trilogie um den Frühromantiker, die 1990 mit einem "Prolog zu Novalis" begann. Dort ließ sie den jungen Mann über seine Entscheidung nachdenken, seiner mit fünfzehn Jahren verstorbenen Braut Sophie allein durch Willenskraft in den Tod zu folgen. Im Mittelstück "Madonnensuite" (1998) streift Novalis mit seinen Gefährten Schelling, den Schlegels, Tieck, Caroline Schlegel und Dorothea Veit durch Dresden, Jena und Weimar. "Planet Novalis" fasst nun die letzten beiden Lebensjahre zu sieben Episoden zusammen. Zu Beginn empfindet Novalis sich als Stümper, weil ihm das Nachsterben nicht gelungen ist; am Ende stehen Krankenlager, Fieber, das mit Spazierfahrten, "Kalkwasser und Eselsmilch" behandelt wird, und, in einer anrührenden Szene, der frühe Tod.

          Gisela Kraft zeichnet kunstvoll Gedankenströme nach und webt behutsam Zitate ein. Wie Eckpfeiler plaziert sie Originaldokumente im Text, als sollten sie dem luftigen, feinen Romangewebe einen Halt geben. Die Botschaft der Autorin ist nicht leicht greifbar: Denn sie meidet das Plakative, Anspielungen an die Gegenwart ebenso wie Mystifikationen. Die Fäden, die sie spinnt, enden in einer filigranen Zauberwelt. Der historische Abstand zu den Frühromantikern wird gerade aus Krafts Vertrautheit damit deutlich.

          Freilich ist "Planet Novalis" ein Roman für Kenner, ein liebevolles und tiefsinniges Buch für die wenigen Leser, die jede Anspielung verstehen. Gisela Krafts Verdienst ist es aber, Novalis' provozierend-fremde Ideen wieder zum Leuchten zu bringen. "Der Mensch dichtet gleichsam die Welt, nur weiß er es nicht gleich ... Wenn aber der Dichter stirbt?" Durch Poesie wollte Novalis die Welt verwandeln, und selbst der denkbar größte Verlust ließ ihn an der Freiheit des Ichs nicht irrewerden. Seine Visionen lenken das Denken auf ungewohnte Bahnen, auch heute noch.

          ANDREA NEUHAUS

          Gisela Kraft: "Planet Novalis". Roman. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2006. 191 S., geb., 16 ,- [Euro].

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