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: Trauerkuchen

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Gabriele Wohmann ist milder geworden; oft verzichtet sie sogar auf ihren boshaften Spott. Doch den ironischen Blick hat sie behalten, und nach wie vor beobachtet sie bewundernswert genau, was zwischen den Menschen vor sich geht.Männer und Frauen passen eigentlich nicht zusammen, davon ist sie ...

          Gabriele Wohmann ist milder geworden; oft verzichtet sie sogar auf ihren boshaften Spott. Doch den ironischen Blick hat sie behalten, und nach wie vor beobachtet sie bewundernswert genau, was zwischen den Menschen vor sich geht.

          Männer und Frauen passen eigentlich nicht zusammen, davon ist sie überzeugt. Zwischen ihnen liegen Welten - "aber in Friedenszeiten fällt's keinem auf", stellt sie lakonisch fest. "Not- und Zweckgemeinschaften" haben aber durchaus ihren Sinn, selbst dann noch, wenn sie von gutmeinenden Freunden gestiftet werden wie in der Geschichte von der Bildungstante Roberta mit ihren kußuntauglich vorstehenden Zähnen und dem linkischen Simon.

          Die Spannungen zwischen den Geschlechtern bleibt auch das Thema der meisten Geschichten im neuen Erzählungsband "Scherben hätten Glück gebracht". Spannungen können sich aber auflösen, wenn Mann und Frau sich im Spießerglück einig sind und "Ruhe als erste Bürgerpflicht" akzeptieren oder "die Gewohnheit als etwas sehr Gutes, etwas sehr Wichtiges, vielleicht das Wichtigste überhaupt" anerkennen. Dann sind auch der Wanst des Ehemannes oder allzu mollige Arme kein Hindernis mehr für einvernehmliches Zusammenleben.

          Ärzte, insbesondere Psychoanalytiker, kann Gabriele Wohmann nicht ernst nehmen. Sie durchschaut die Routine und macht sich lustig über "analytisch-interpretatorische Mißgriffe". Doch vielleicht wird für die Patientin die nächste Sitzung erfolgreicher, wenn sie einen späteren Termin für ihre unentbehrliche Sitzung bekommt. Zwischen sechs und sieben, nachdem der Doktor seinen Tee mit Rum zu sich genommen hat, wird er gewiß seltener auf seine Armbanduhr schauen und weniger schläfrig sein.

          In Gabriele Wohmanns Menschen-Zoo darf gelacht werden. Zwei neue exotische Exemplare sind auch zu betrachten. Sie sind in Amerika beheimatet und führen ein interessantes Doppelleben. Dem einen im wohlgeordneten College entfliehen sie in die Wildnis nach Laramie, Wyoming, und weiter noch bis in die Prärie oder in wilde Wälder. Patty hat sich dort ein kleines Haus gekauft und plagt sich in den Semesterferien lustvoll ab mit schwerster Landarbeit und Pilzesammeln. Pilze sind ihre Leidenschaft; ihr Gast aus Deutschland muß sich damit abfinden, daß er täglich essen muß, was sie gefunden hat.

          Kaum weniger asketisch, hager und schrullig als Patty ist Alberta, die Hochschullehrerin und passionierte Jägerin. Wer noch nichts über die Antilopenjagd weiß, kann es bei Gabriele Wohmann erfahren. Nicht der tödliche Schuß, sondern das Ausweiden und Zerlegen des Wildes ist Albertas größte Lust. Sie genießt dabei "die Schönheit der Tierkonstruktion". Die Lust daran ist ihr nicht einmal vergangen, nachdem einer ihrer Mitjäger sie aus Versehen ins Bein geschossen hat. In Panik gerät die verwegene Jägerin allerdings, als eine winzige Feuerspinne über ihren Gipsverband krabbelt.

          Gabriele Wohmann ist eine Meisterin der abrupten und überraschenden Schlüsse. Manchmal übertreibt sie und bricht bedauerlicherweise ab, noch ehe die Geschichte richtig in Gang gekommen ist. Soll der Leser rätseln, wie es weitergehen könnte? Doch dann sind es wieder die vertrauten unverwechselbaren Wohmannschlenker wie die vom rosazuckrigen Geburtstagsherz zum schokoladendunklen Trauerkuchen, die am Ende ein Lachen, zumindest ein Lächeln auslösen.

          MARIA FRISÉ

          Gabriele Wohmann: "Scherben hätten Glück gebracht". Erzählungen. Aufbau-Verlag, Berlin 2006. 208 S., geb., 17,80 [Euro].

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