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: Tote Mädchen sehen besser

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"Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." So radikal beginnt der Roman, der in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr zur größten Sensation auf dem Buchmarkt wurde und der diese Woche auf deutsch erscheint. Wohl ...

          "Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch; Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde." So radikal beginnt der Roman, der in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr zur größten Sensation auf dem Buchmarkt wurde und der diese Woche auf deutsch erscheint. Wohl selten hat so viel dagegen gesprochen, daß ein Buch zum Erfolg wird: "In meinem Himmel", der Debütroman der 39jährigen Alice Sebold, erzählt die Geschichte eines Mädchens, das auf seinem Schulweg von einem Mann aus der Nachbarschaft vergewaltigt und zerstückelt wird und das nach seinem Tod die Geschehnisse auf der Erde vom Himmel aus beobachtet. Sebold erzählt die Geschichte aus Sicht des toten Mädchens, und daß das nicht grauenhaft kitschig und ganz und gar unmöglich wirkt, sondern natürlich, beinahe selbstverständlich, das ist das große Wunder dieses Buches.

          Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden (auch wenn die Ich-Erzählerin niemals ihren 15. Geburtstag erleben wird); es ist eine Kriminalgeschichte (ein Vater sucht den Mörder seiner Tochter); und es ist das psychologisch genaue Porträt einer Familie, der eine Tragödie zustößt. Zehn Jahre lang sieht Susie ihrer Familie und ihren Mitschülern dabei zu, wie diese mit ihrem Tod fertigzuwerden versuchen. Zehn Jahre, in denen der Vater fast zerbricht an der Last des Schicksals; in denen die Mutter es nicht mehr erträgt, Mutter zu sein, und der Familie entflieht; in denen der kleine Bruder zum Teenager wird und die jüngere Schwester zur erwachsenen Frau. Der Mörder wird nie gefaßt. All das sieht Susie vom Himmel aus, der ihr ganz persönlicher Himmel ist, ein Himmel der "einfachsten Träume". In ihrem Fall hat er Ähnlichkeit mit einer Highschool. Es gibt einen Pausenhof mit Schaukeln, als Schulbücher dienen "Seventeen", "Glamour" und "Vogue", der einzige Unterricht ist Kunsterziehung. Ein schöner Ort, an dem alle Wünsche in Erfüllung gehen - nur der eine, der größte nicht: lebendig zu sein.

          Über zwei Millionen Mal hat sich "In meinem Himmel" seit seinem Erscheinen Anfang September in den Vereinigten Staaten verkauft. Es war der Überraschungserfolg des vergangenen Jahres, die Kritiker überboten sich in ihrem Lob. "Ein überwältigendes Werk", nannte es der "New Yorker", "Time" erklärte es zum "bahnbrechenden Roman-Debüt"; selbst Michiko Kakutani, die sonst so strenge Kritikerin der "New York Times" lobte das Buch als "tief berührende Meditation über die verschiedenen Arten, mit großem Schmerz umzugehen". Auf dem Buchrücken jubelt der Erfolgsautor des Vorjahres, Jonathan Frantzen: "Sebold schenkt uns eine Fantasiegeschichte von großer Kraft, großem Charme und Mut. Eine Ausnahme-Schriftstellerin."

          Die Erfolgsgeschichte dieses Romans beginnt damit, daß Ende Mai die einflußreiche ehemalige "New York Times"-Kolumnistin Anna Quindlen in der "Today Show" im Fernsehen erklärte, wenn man in diesem Sommer nur ein einziges Buch lesen würde, dann müsse es "In meinem Himmel" sein. "Es ist eins der besten Bücher, die ich in Jahren gelesen habe", sagte sie und nannte es in einem Atemzug mit Klassikern wie "Wer die Nachtigall stört". Wenige Tage später stand das Buch beim Internetbuchversand Amazon.com auf Platz eins der Bestseller-Liste - und das sechs Wochen vor seiner Veröffentlichung. Obwohl der Verlag Little, Brown die Erstauflage daraufhin in deutlich höherer Stückzahl als geplant ausliefern ließ, kam man mit dem Drucken kaum nach: Eine Woche vor dem offiziellen Auslieferungstermin war bereits die sechste Auflage in Arbeit, vier Wochen später eine knappe Million Exemplare in Umlauf. Und das alles ohne Oprah Winfrey!

          Jahrelang hatte die Talkmasterin mit ihren im Fernsehen gegebenen Buchempfehlungen für kommerzielle Riesenerfolge gesorgt, unter anderem Bernhard Schlink in Amerika zum Bestsellerautor gemacht. "In meinem Himmel", und das kommt im amerikanischen Buchmarkt einer Sensation gleich, hat sich ohne ihre Schützenhilfe, ohne teure PR-Kampagne millionenfach verkauft. Es gab gute Rezensionen, und es muß sich herumgesprochen haben, daß es sich um ein Buch handelt, das zu lesen sich lohnt.

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